Suche nach einem früh verstorbenen Kind, an das sich niemand erinnern will

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  • HelenHope
    antwortet
    Hallo,

    eine Möglichkeit neben dem Familienstammbuch sind die Meldekarten. Wenn das Kind gelebt hat und gemeldet war, sollte es eingetragen sein. Liebe Grüße

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  • Carolien Grahf
    antwortet
    Jercke_Ida_TOT_01.jpg Jercke_Ida_TOT_02.jpg
    Das ist meine Altgroßmutter Ida Jercke. Sie wurde 1855 geboren und starb nach 3 Monaten den plötzlichen Kindstod. Obgleich in einem Zweig meiner Familie eher Tote totschweigen vorherrscht, wird in diesem Zweig ein regelrechter Totenkult betrieben. Seit Generationen wird in diesem Zweig der Familie jeder Tote offen aufgebahrt, jeder "darf" sich nochmal persönlich verabschieden. Und selbstverständlich werden zig Fotos gemacht. Anschließend wird der Sarg geschlossen. Von der Dreitägigen Wache zu Hause will ich erst gar nicht reden.
    Zurück zu Ida. Nach ihrem Tod verblieb die Kleine noch drei Tage zu Hause und war aufgebahrt in ihrer Wiege. Sie wurde als Leiche bildlich festgehalten. Dieses Bild befindet sich in meinem Familienarchiv. Sehr gut in Archivpapier eingepackt und mit Transportfolie vor Glasbruch gesichert, tief vergraben in der Archivbox. Heute habe ich es aus gegebenen Anlass mal ausgepackt und für euch abgelichtet. Eigentlich will ich dieses Bild sowie die anderen Leichenbilder aus meiner Familie, gar nicht sehen. Es ist gruselig und befremdlich. Mir ist bekannt, dass es sogar bei meiner Urgroßmutter im Zimmer gehangen hat. Ida war die Schwester ihrer Großmutter.

    Wir haben nun einige Male von Klinikabfall, "Entsorgung" und sonstigen Dingen gesprochen, so dass es vielleicht nicht falsch ist eine völlig andere Seite zu sehen. Nämlich die der "übergroßen" Liebe (wie auch schon andere beschrieben haben).

    Post-mortem-Malerei und -Fotografie war zu Idas Zeit und bis in die 1940 völlig normal. Dann ebbte diese Sitte ab und verschwand fast in Gänze. Erst um 2010 mit den Sternenkindern lebte dieser alte "Brauch" wieder auf.
    Wahrscheinlich kann man auch darüber streiten ob das wirklich gut ist oder vielleicht nur ein pathologisches Nicht-Loslassen-Können darstellt.

    Als Ahnenforscher bleibe ich neutral und sammel Fakten. Wertungsfrei und weitgehends emotionslos. Es ist ein Unding mit unserer heutigen Moral und Anschauungsweise über Verhalten- und Verfahrensweisen längst vergangener Zeiten zu urteilen. Jede Zeit hat ihre Regeln, ihre ganz eigene Moral und ihre Gepflogenheiten.




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  • Garfield
    antwortet
    Hallo

    Zur Suche in Deutschland kann ich nicht wirklich etwas beitragen, aber ich habe noch zwei ähnliche Beispiele.

    Mein Grossonkel hatte zwei Töchter (leben noch) und einen Sohn. Der Sohn ist nicht im Familienregister (obligatorisch in der Schweiz) eingetragen und wurde auch von meiner Grossmutter nie erwähnt. In der Leichenpredigt vom Grossonkel 1973 wurde aber erwähnt, er habe auch einen Sohn namens Kurt gehabt, der bei der Geburt starb. Seine Schwester konnte mir dann auf Nachfrage das Datum nennen (1957). Also: Standesamt nein, Name in der Familie ja.

    Eine Bekannte von mir hatte eine ältere Schwester, geboren 1985. Sie wurde entweder tot geboren oder starb bei der Geburt im Krankenhaus. Die Eltern haben das Kind nie gesehen, das Krankenhaus hatte sich "darum gekümmert". Damals war man offenbar der Meinung, das würde den Eltern die Sache einfacher machen . Ich weiss nicht mehr sicher, ob das Kind von den Eltern einen Namen erhalten hatte.

    Zur Ursprungsfrage: ich könnte mir entweder auch vorstellen, dass das Kind eine Beeinträchtigung hatte und man deshalb nicht darüber sprach. Der Umgang mit Tod und auch mit Beeinträchtigungen mag je nach Familie unterschiedlich gewesen sein, so wie es auch heute noch unterschiedlich ist. In der Familie meiner Grossmutter wurde relativ offen berichtet, wer im Stammbaum eine Beeinträchtigung hat / hatte.
    Ich halte aber auch eine Totgeburt für wahrscheinlich, und dass es deshalb keinen standesamtlichen Eintrag gab. Vielleicht war es für die Familie eine genug traumatische Erfahrung, dass deshalb niemand darüber sprechen wollte.

    Ich denke, dass die Krankenhäuser Möglichkeiten und Vorschriften zur "Entsorgung" hatten. Bei Hausgeburten hingegen musste ein tot geborenes Kind ja irgendwohin gebracht werden. Daher wäre es für mich plausibel, dass totgeborene Kinder bei Hausgeburten danach beerdigt wurden (je nach Gegend/Zeit ja z.B. einem verstorbenen Erwachsenen in den Sarg gegeben).

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  • mabelle
    antwortet
    Hallo,

    ja, ich dachte auch spontan daran, dass das Kind vielleicht behindert war. Der Druck auf die Eltern während der NS-Zeit war sehr groß, behinderte Kinder in ein Heim zu geben, von wo aus sie getötet wurden. In allen Fällen haben die Erziehungsberechtigten eine schriftliche Einverständniserklärung abgeben müssen und natürlich führt dies zu ungeheuren Schuldgefühlen. Viele dieser Kinder ließ man in diesen Einrichtungen auch einfach verhungern. Am besten, man spricht nicht mehr darüber, haben viele gedacht. Der Schmerz und die Schuld können einen überwältigen.

    Über lokale Geschichtsvereine ließe sich vielleicht etwas herausfinden. Die Namen der Eltern sind ja bekannt, das ist ein Anfang.

    Liebe Grüße
    mabelle

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  • consanguineus
    antwortet
    Zitat von hmpfchen Beitrag anzeigen
    Beim Lesen kam mir irgendwie spontan der Gedanke, ob das Kind evtl. eine Behinderung gehabt haben könnte und sich deshalb niemand erinnern möchte. Wenn es dann in eine "Heilanstalt" gegeben wurde und dort verstarb, gab es im Heimatort auch keinen Sterbeeintrag.
    Genau das hat unsere Tochter gestern auch gesagt, als ich mit ihr über den Fall gesprochen habe!

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  • Horst von Linie 1
    antwortet
    Meine Urgroßmutter brachte am 11.10.1911 (mit 38) und am 5.1.1913 (mit 39 Jahren) zwei Töchter zur Welt, die am gleichen Tag verstarben. Sie trugen laut Standesamtsregister keine Vornamen.

    Eine Cousine (1909-2005) meiner Großmutter hat mir aber vor nunmehr fast 40 Jahren erzählt, dass sie auf dem Friedhof deren Gräber regelmäßig gießen musste und dass dort die Emma und die Frieda beerdigt waren.
    Ob das so auf dem Grabkreuz/Grabstein stand, das würde ich sie heute gerne fragen.

    Jedenfalls nehme ich das als beredtes Beispiel dafür, wie manche Familien mit einem derartigen Schicksal umzugehen wussten und als bewussten Gegenpart zu der hier bereits mehrfach geschilderten lieblosen/menschenverachtenden Entsorgung in Kliniken.

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  • hmpfchen
    antwortet
    Beim Lesen kam mir irgendwie spontan der Gedanke, ob das Kind evtl. eine Behinderung gehabt haben könnte und sich deshalb niemand erinnern möchte. Wenn es dann in eine "Heilanstalt" gegeben wurde und dort verstarb, gab es im Heimatort auch keinen Sterbeeintrag.

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  • Fireangel
    antwortet
    Ich finde das Thema sehr spannend, das du hier ansprichst. 3 meiner 4 Großelternpaare erzählten mir in meinen Jugendjahren recht offen, dass jeweils mindestens ein Geschwisterchen im Kindesalter verstorben war oder es Totgeburten gab. bei einer Oma weiß ich, dass es neben den 5 überlebenden Schwestern auch noch weitere Schwangerschaften gab (die die Urgroßmutter gegenüber den Töchtern aber nicht thematisierte). Persönlich ist meine Familie immer noch auf der Suche zweier Kinder aus der Wiener Zeit meiner Urgroßeltern väterlicherseits, von denen mir meine Oma sogar erzählte, dass über diese beiden öfter mal in der Familie gesprochen wurde und sie immer wieder disebezüglich etwas herauszufinden versuchte. Leider bin ich noch nicht viel weiter gekommen - mein Vater würde sich sehr freuen, mehr zu erfahren. Lt meiner Oma sind sie angeblich im Kleinkindalter an einer Infektionskrankheit gestorben (möglicherweise Diphterie).

    PS: die demente Oma meines Mannes hat - gerade was Familiengeschichte angeht - unglaublich lichte Momente. Ich habe bei den Besuchen manchmal spannende Dinge erfahren. Sie ist die letzte ihrer Generation. Wenn sie Bilder betrachtet, fängt sie manchmal wie ein Buch zu erzählen an....

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  • consanguineus
    antwortet
    Zitat von Gastonian Beitrag anzeigen
    P.S.: Es freut mich, daß Du hier trotz des "katastrophalen" Neuerscheinungsbilds des Forums weitermachst!
    Was soll ich denn machen, Carl-Henry? Es gibt ja für uns Ahnenforscher nur dieses eine Forum. Da muß ich als Ü50 mich an das unkomfortable neue Outfit wohl oder übel gewöhnen müssen...

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  • Gastonian
    antwortet
    Hallo consanguineus:

    Der Horst weist ja darauf hin, daß die Totgeburten in Rüdesheim 1963 im Sterberegister, aber nicht im Geburtsregister, verzeichnet wurden. Das deckt sich mit deiner Feststellung, daß die Totgeburten schon im 17. Jahrhundert Beerdigungseinträge erhielten.

    Im 19. Jahrhundert diente die "Entbindungsanstalt Marburg" anscheinend dazu, Lehrmaterial an den Anatomielehrstuhl der Universität zu liefern - unverheiratete Mütter aus Frankenberg wurden oft nach Marburg zur Entbindung geschickt, und falls Kind und/oder Mutter starb, wurde die Leiche nicht begraben, sondern "zur Anatomie geschickt" - einen Eintrag im Beerdigungsbuch Frankenberg erhielten sie aber doch.

    VG

    --Carl-Henry

    P.S.: Es freut mich, daß Du hier trotz des "katastrophalen" Neuerscheinungsbilds des Forums weitermachts!

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  • Carolien Grahf
    antwortet
    Es ist tatsächlich so, dass Totgeburten bestattet werden müssen, wenn sie zum Zeitpunkt ihrer Geburt schwerer als 500 gr gewesen sind. Die "Sternenkinder" werden von den betreffenden Kliniken verbrannt und die Urnen in Gemeinschaftsgräbern beigesetzt. Den Eltern entstehen dabei keine Kosten.
    Alle anderen Totgeburten sind Klinikabfall (biologischer Müll) und werden wie alles andere das von einem Patienten heraus geholt oder weg geschnippelt wurde, verbrannt. Das bedeutet, dass alle Kinder die zum Zeitpunkt ihrer Geburt weniger als 500 gr gewogen haben, als Fehlgeburt gelten.
    Je nachdem wo man lebt (Bundesland in Deutschland ist gemeint) kann man um die Fehlgeburt bitten, weil es keine Leichen sind; und sie mit nach Hause transportieren und irgendwo selbst und eigenständig beisetzen, wo auch immer man mag. Das kann im eigenen Garten oder in einem bestehenden Grab sein oder auch zu Hause aufbewahren.
    In Sachsen hat man sich geeinigt, dass auch abgetriebene Föten beerdigt werden müssen, wenn die Eltern das wünschen. Allerding nur in einem Anonymen Sammelgrab.
    Zuletzt geändert von Carolien Grahf; 20.04.2024, 23:48.

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  • consanguineus
    antwortet
    Zitat von Horst von Linie 1 Beitrag anzeigen
    Im Geburtsregister findet man Totgeburten von 1963 nicht. Nach meiner Erinnerung auch nicht im Zeitraum davor (1874-1963).
    Ich weiß nicht, ob es sich um eine Totgeburt gehandelt hat. Immerhin kursieren ja Namen für das Kind. Also wird es vermutlich gelebt haben. Ich denke nicht, daß man in den 1940er Jahren berfeits so spirituell war, totgeborenen Kindern Namen zu geben.

    Wie auch immer: das Kind muß ja beerdigt worden sein. Ich sehe immer wieder, schon im 17. Jahrhundert, daß es in Kirchenbüchern Beerdigungseinträge für totgeborene Kinder gibt, also solche, die nicht einmal die Taufe empfangen haben. Und dennoch christlich beerdigt. Sollte das im 20. Jahrhundert grundsätzlich anders gehandhabt worden sein? Meine Mutter, die im medizinischen Bereich tätig war erzählte, daß man in Geburtskliniken Totgeburten noch in den 1960ern einfach "entsorgt" habe. Aber das kann ich nicht so recht glauben.

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  • Horst von Linie 1
    antwortet

    Und Bild 19.
    Im Geburtsregister findet man Totgeburten von 1963 nicht. Nach meiner Erinnerung auch nicht im Zeitraum davor (1874-1963).

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  • Lierhaus
    antwortet
    Ich habe bei meinen Großeltern väterlicherseits ein auf den Punkt gleiches Ereignis, ein 10. Kind namens Martin, ein jüngster, früh verstorbener Bruder meines Vaters. Meine eingeheiratete Mutter wusste das, weil sie immer das ganze "Familienwissen" hatte. Es lebt nur noch eine Schwester meines Vaters und die will ich nicht fragen, weil ich etwas, was ich selbst als traurig empfinde, nicht ansprechen mag. Wenn es einen Vornamen gibt, gibt es vielleicht eine Taufe und einen Taufeintrag. In meiner Ahnenblatt-Datei habe ich einer Vollständigkeit halber diesen Martin als um 1939 geboren und früh verstorben eingetragen, so wie ich alle nachweisbaren totgeborenen und frühverstorbenen Familienangehörigen eingetragen habe und das sind bei der früher hohen Kindersterblichkeit recht viele.

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  • Zita
    antwortet
    Hallo consanguineus,

    eine Forscherkollegin, die nach dem Verbleib ihrer Anfang der 1960er Jahre in Wien als Neugeborenes verstorbenen Schwester suchte, hat erzählt, dass lt. Krankenhaus diese Kinder gemeinsam mit einem gleichzeitig verstorbenen (nicht verwamdten) Erwachsenen begraben wurden. Wie das in der Praxis funktionierte, wusste man nicht - man hat das halt so gemacht...

    In meiner Familie war es auch "verboten", über tote Kinder zu reden - das tut man nicht. Ich wünsche dir, dass du Licht in diese traurige Geschichte bringen kannst.

    LG Zita

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