"Judas" als Vorname

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  • Jettchen
    Erfahrener Benutzer
    • 16.10.2011
    • 1814

    #1

    "Judas" als Vorname

    Hallo in die Runde,

    ich bin in Tirschenreuth/Oberpfalz auf den ungewöhnlichen Vornamen "Judas" gestoßen:
    Veit Pauer heiratete 1566, als sein Vater wird "Judas" genannt.



    Dass so ein Name einem Kind gegeben wurde, weil Judas doch als Verräter Jesu gilt? Eigentlich nicht vorstellbar.
    Beim Schreiben kommt mir die Überlegung, dass dies gar nicht der Taufname sein könnte, sondern ihm evtl. dieser "Rufname" wegen eines Verrats angeheftet wurde?

    Einen guten 4. Advent wünscht euch
    Jettchen


  • Horst von Linie 1
    Erfahrener Benutzer
    • 12.09.2017
    • 24526

    #2
    Die eigene Überlegung würde ich abschütteln.

    Im 18. Jahrhundert findet man in Bayern und in Österreich immer wieder die Vornamenskombination "Judas Thaddäus". Das bestätigte mir gerade auch die Suche über genteam.
    Falls im Eifer des Gefechts die Anrede mal wieder vergessen gegangen sein sollte, wird sie hiermit mit dem Ausdruck allergrößten Bedauerns in folgender Art und Weise nachgeholt:
    Guten Morgen/Mittag/Tag/Abend. Grüß Gott! Servus.
    Gude. Tach. Juten Tach. Hi. Hallo.

    Und zum Schluss:
    Freundliche Grüße.

    Kommentar

    • mabelle
      Erfahrener Benutzer
      • 09.10.2017
      • 1077

      #3
      Hallo Jettchen,

      der Kirchenbucheintrag ist aus dem Jahr 1566, da unterstand die Obere Pfalz oder das Stiftland, wie die Region bis heute genannt wird, den pfälzischen Wittelsbachern (Haus Wittelsbach-Simmern) und war lutherisch. Mit Pfalzgraf Friedrich III., der Fromme genannt, mussten die Untertanen der Oberen Pfalz zwangsweise dem lutherischen Bekenntnis abschwören und den calvinistischen Glauben annehmen. Mit brachialen Methoden, worüber die Menschen nicht gerade erfreut waren, nachdem sie sich gerade an den lutherischen Glauben und Ritus gewöhnt hatten.

      Nur so als Hintergrund. Nach der Rekatholisierung durch die Jesuiten ab 1623 habe ich den Namen Judas auch nicht mehr entdeckt. Es könnte also sein, dass die Lutheraner dieser Zeit Judas anders beurteilten. Vielleicht milder. Urban Zwölffer, der auch bei dieser Taufe als Taufpriester genannt wird, war Lutheraner. Die Bücher wurden übrigens trotz mehrfacher Religionswechsel meist kontinuierlich weitergeführt. Die lutherischen Geistlichen kamen oft aus Thüringen und Sachsen.

      Ich habe festgestellt, dass viele der Geistlichen der relativ kurzen calvinistischen Episode selten eine fundierte theologische Ausbildung hatten. Ich habe auch einige recht vulgäre Einträge in den Kirchenbüchern entdeckt, in denen einzelne Personen übelst beschimpft wurden ("die Drecksau kann ja nicht mal das Vaterunser"), Wirtshausbesuche waren verpönt und die Pfarrer haben selbst kontrolliert wer ins Wirtshaus ging und diese Personen bei der sonntäglichen Predigt namentlich an den Pranger gestellt. Es hat sich gerade in Tirschenreuth zusehends Widerstand gegen die calvinistischen Statthalter gebildet, der Zorn entlud sich im Februar 1592 in der grausamen Ermordung des pfälzischen Beamten Valentin von Winsheim. Unter den Beteiligten waren mehrere Ratsherren und angesehene Handwerker. Viele der Namen tauchen auch in meinem Stammbaum als direkte Vorfahren auf. Der damals schon 92-jährige Bürgermeister Bartholomäus Fueger, der aus Tachau in Böhmen stammte, wurde nicht verurteilt, musste aber sein Amt niederlegen. Wenige Jahre später ist er verstorben. Er ist ein Spitzenahn von mir. Tirschenreuth wurde nach der Ermordung Winsheims mit einem langjährigen Bann bedacht, der bis dahin florierende Handel verlagerte sich auf andere Städte, die auf der Route nach Böhmen lagen.

      Viele Grüße
      mabelle
      Nachtrag: danke für den Hinweis auf die anderen biblischen Namensträger. Das erklärt vieles. Ich bin auch gar nicht bibelfest.
      Zuletzt geändert von mabelle; 21.12.2025, 10:48.

      Kommentar

      • Friedrich
        Moderator

        • 02.12.2007
        • 11599

        #4
        Moin zusammen,

        Horst hat es schon angedeutet. Judas war nicht nur der Iskariot, also der Verräter, sondern es gab noch einen weiteren Jünger Jesu mit diesem Namen, dann einen Bruder Jesu und den Schreiber des Judasbriefes. Also es gab Judasse genug.

        Friedrich
        "Bärgaf gait lichte, bärgop gait richte."
        (Friedrich Wilhelm Grimme, Sauerländer Mundartdichter)

        Kommentar

        • Jettchen
          Erfahrener Benutzer
          • 16.10.2011
          • 1814

          #5
          Habt ganz vielen Dank für all eure Informationen!
          Erstaunlich, wie eine doch so "kleine" Anfrage viel weiterhelfen kann.
          Was hätte ich bei meinen Recherchen ohne "ahnenforschung.net" getan???

          Gute Weihnachtstage wünscht euch
          Jettchen

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