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Alt 03.02.2010, 11:07
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Friedrich Friedrich ist offline männlich
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Standard Cucurbitare dominum

Marlies:

kann mir jemand helfen und den obigen Begriff erklären?

woody:

Ich kenne diesen Begriff aus der Botanik:
Cucurbita = Kürbis

Rossi:

@Woody: daran habe ich auch erst gedacht.
Für cucurbitare fällt mir keine direkte Übersetzung ein, ich versuche es mal zu umschreiben: militärisch ausgedrückt würde man sagen die Dienerschaft zum Appell antreten zu lassen. Vielleicht fällt jemandem eine bessere Erklärung ein.
dominum müsste damit auch klar sein.
Wäre aber vielleicht hilfreich, das im Zusammenhang zu sehen.

woody:

Das verstehe ich nicht so ganz.
Du meintest doch sicher "cohortatus milites"?
Oder gibt es in dem Zusammenhang noch etwas anderes?
Aber wie Du schon sagtest man müßte den Zusammenhang sehen.

Rossi:

Nein. Das Prädikat cohortatus bedeutet soviel wie ermuntern, auffordern, anfeuern.
Cohortatus milites folglich die Soldaten ermuntern.
Ich habe gerade eben gegoogelt und auch die Übersetzung "Appell an die Soldaten" gefunden, aber meiner Meinung nach ist das falsch oder zumindest sehr frei übersetzt.
Vgl. auch: Scipio interim paulisper, ut antea dixi, in eo loco commoratus, ut quasi despexisse Caesarem videretur, paulatim reducit suas copias in castra et contione advocata de terrore suo desperationeque exercitus Caesaris facit verba et cohortatus suos, victoriam propriam se eis brevi daturum pollicetur.
Im Gegensatz dazu ist cucurbitare eher als sowas wie ein "neudeutsches" Briefing mit den Dienern/Leibeigenen zu verstehen. Wie gesagt, der deutsche Ausdruck - so es überhaupt einen gibt - fällt mir im Moment nicht ein.

Marlies:

es geht um eine gerichtliche Auseinandersetzung:
....... war des Cucurbitare dominum angeklagt.

Rossi:

In dem Fall nehme ich an die Dienerschaft (Leibeigenen) gegen den Herren aufzuhetzen.
Oder er hat dem Herren einen Kürbis gestohlen.

Marlies:

hat man das in der Zeit des Lehnsrechtes mit einer Anklage gelöst? Ich hab keine Ahnung

Rossi:

Das glaube ich weniger, war auch eher scherzhaft gemeint.
Ich glaube nicht, dass man zu Zeiten des Lehensrechtes den Aufwand betrieben hat, eine Anklage zu erheben, wenn ein Unfreier einen Kürbis gestohlen hat und dazu auch noch schriftliche Unterlagen zu führen. Das wurde meines Wissens "unbürokatisch" und relativ rigoros gelöst.
Dazu sagt der Botaniker in mir, dass der Kürbis erst im 16. oder 17. Jahrhundert aus Mittelamerika nach Europa gebracht wurde (Ich glaube durch die Portugiesen, bin mir da aber nicht sicher).
Erfahrungsgemäß dauert es ausserdem noch Jahrzehnte, manchmal sogar Jahrhunderte, bis eine Nutzpflanze nach der Einführung aus der neuen Welt wirklich verbreitet angebaut wird (vgl. auch Kartoffel, die landwirtschaftliche Nutzung hat erst rund 200 Jahre nach der Einführung in Deutschland richtig begonnen, das auch nur unter massivem Druck seitens Friedrich des Großen).

Marlies:

also doch etwas "schlimmeres"
und ein "verrückter" Gedankengang von mir: ich habe natürlich auch schon gesucht und hatte bei Google "nur" cucur eingegeben, in einem der Suchergebnisse war von "Artbastarden" (im pflanzlichen Bereich) die Rede. Nun frage ich mich, ob sich das auch auf Menschen übertrage lässt.

Rossi:

Also ich finde über google unter "cucur" und "Artbastarde" nur ein paar Publikationen von dem Bonner Botaniker Franz Weiling, der leider vor wenigen Jahren verstorben ist.
Diese Publikationen von Professor Weiling handeln alle von Artbastarden unter Kürbissen (Cucurbitae). Wahrscheinlich bist du über die Kürbisse auf den Begriff gestossen.
Artbastarde sind in der Botanik weit verbreitet, die Zwetschge ist beispielsweise einer, aber auch viele unserer landwirtschaftlich genutzter Getreidesorten (Triticale, Weizen etc.).
Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Ausdruck "Artbastard" und "Cucurbitae" gibt.
Artbastarde waren in der Botanik schon lange, bevor der Kürbis eingeführt wurde, bekannt.

j.steffen:

laut dem Lateinlexikon von Georges heißt cucurbita nicht nur Kürbis, sondern auch Schröpfkopf (im medizinischen Sinne zum Blutabzapfen), und davon leitet sich ab cucurbitatio = das Schröpfen, also ist cucurbitare das Verb dazu u. bedeutet "schröpfen".

Simon1612:

@marlies:
wenn du einen größeren ausschnitt aus dem gerichtsakt posten würdest, könnten wir vielleicht durch den kontext auf neue interpretationsmöglichkeiten kommen bzw. die bisherigen bestätigen...

Marlies:

mehr als das gibt der Text nicht her: (hab ich auch heute erst fast am Ende der Abhandlung gefunden, Entschuldigung an alle, die bisher meinetwegen Zeit geopfert haben,um eine Erklärung zu finden) Cucurbitare dominum, uxorem, filiam et cognatas domini

Und einen sehr vagen, aber interessanten Hinweis(der Absender kann sich nicht genau erinnern, er weiß auch nicht mehr, wo er es gelesen hat) gibts unterdessen auch: Cucurbitatio soll im Norden Deutschlands ca 1620 als Erklärung für "die unerlaubte Liebschaft mit den Damen seines Lehnsherrn" gebraucht worden sein.

Simon1612:

bitte entschuldige wenn ich in dem punkt nicht locker lasse, aber ich bin nicht wirklich mit dieser neuen interpretation zufrieden. dein informant meint höchst wahrscheinlich "concubitus" oder "concubium" (beides "Beischlaf") und damit in verbiundung stehend "concubinatus" ("außereheliche beziehung").
und selbst wenn man annimmt, dass cucurbitatio bzw. "cucurbitare" als das dazugehörige zeitwort, einfach andere ausdrücke dafür sind (auf deutsch gibts ja auch mehr als ein wort "dafür" ), spricht meiner meinung nach das zitat, das du uns gepostet hast, dagegen:
>>>> cucurbitare dominum, uxorem, filiam et cognatas domini <<<<
alles bis auf das verb (cucurbitare) steht im vierten fall, und ist damit das objekt der handlung (was auch immer "cucurbitare" heißen mag.) dh. die übersetzung lautet:
"den herrn, die ehefrau, die tochter und die [weiblichen] verwandten des herrn zu ?????????en". (dass hier ein wort mit der bedeutung "den beischlaf vollziehen" hineinpasst wage ich zu bezweifeln.)
für eine interpretation wäre ein größerer textausschnitt (zumindest ein satz, besser noch ein bisschen mehr) SEHR hilfreich.
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"Bärgaf gait lichte, bärgop gait richte."

(Friedrich Wilhelm Grimme, Sauerländer Mundartdichter)