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  #1  
Alt 04.10.2013, 21:10
Helen Helen ist offline weiblich
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Standard Aus dem Tagebuch meines Großvaters - 27 Jahre später

Hier möchte ich wieder aus dem Tagebuch meines Großvaters, das im Forum Baltikum begann und in Rußland fortsetzte, erzählen.
Ich fand es jetzt beim Aufräumen im Elternhaus und dachte, es könnte den ein oder andern interessieren.


Eure Meinungen oder Ergänzungen sind mir willkommen.

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Meine letzten Aufzeichnungen habe ich mit einem sorgenvollen Ausblick in die Zukunft beschlossen. Das Dunkel aber begann sich für mich schneller zu lichten als ich zu hoffen gewagt hatte. Im Juni 1918 bereits war ich Inspektor auf dem Mittelhofe in Langenbielau. Im Dez. 1918 heiratete ich wieder, 1920 wurde mein Sohn Arwed geboren. Im Einverständnis mit meiner Frau nahmen wir meine 1911 geborene Tochter Margarete zu uns, nachdem deren Mutter gestorben war. Meine Tochter Helga aus erster Ehe befand sich bei ihrer Tante in Leningrad, da ein Herüberholen nicht möglich war. 1920 verunglückte der aus erster Ehe meiner Frau stammende Sohn Wolfgang und verstarb an erlittenen Brandwunden.

1922 wurde mir die Stelle als Oberverwalter der Herrschaft Peterswaldau angeboten. Die ich auch sobald antrat. Infolge allgemeiner wirtschaftlicher Depression verlor ich nach 5 Jahren diesen Posten und war darauf fast 2 Jahre stellungslos. Dies war eine schwere Zeit, durch die wir uns recht und schlecht durchschlugen. Im Nov. 1928 wurde ich beim Arbeitsamt Reichenbach/Eulengeb. angestellt, wo ich mich im Laufe der Zeit bis zum Büroleiter heraufarbeitete. 1924 war uns der zweite Sohn Klaus-Wolfgang geboren worden. 1931 starb meine Schwägerin in Leningrad und mit Hilfe des Deutschen Konsuls gelang es, die Tochter Helga zu uns zu nehmen.

Im politischen Leben war in Deutschland ein harter Kampf entbrannt. Der Gefreite des Weltkrieges Adolf Hitler hatte die Nazionalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei gegründet und sich in zähem Kampf eine Gefolgschaft geschaffen, die ihm 1933 die Macht im Staate in die Hand gab. Unter seiner Führung erfolgte ein rapide wirtschaftlicher Aufstieg und außenpolitisch streifte er eine Fessel nach der andern ab, die uns das Versailler Diktat angelegt hatte.

Das Rheinland wurde wieder besetzt, die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt, Memel, Eupen und Malmedy zurückgeholt. Das Sudetenland wurde dem Reiche angeschlossen und die Tschechei unter deutsches Protektorat gestellt. Wegen Danzig und dem Korridor konnte mit Polen keine Einigung erzielt werden, es kam zum Kriege.

Nach 18 Tagen war er beendet. Polen lag am Boden. England und Frankreich hatten uns darauf den Krieg erklärt. In kurzer Zeit waren Holland, Belgien und Frankreich überrannt, die Engländer vom Festland vertrieben. Es folgte die Besetzung Dänemarks und Norwegens, der Feldzug gegen Russland begann. Überall warenunsere Armeen siegreich und machten Millionen Gefangene. Jugoslawien und Griechenland fielen, Kreta wurde besetzt, in Afrika drangen unsere Truppen von Westen bis Ägypten vor.

1942 mussten auch wir dem Krieg unsren Tribut zahlen. Arwed war Offizier auf einem U-Boot. Nach Versenkung von 3 Tankern und Torpedierung zweier weiterer ging das Boot mit der gesamten Besatzung im nordlichen Atlantik verloren, nie wieder wurde etwas von ihm gehört. (s. auch im letzten Teil des Rußland-Berichtes)

Klaus-Wolfgang wurde trotz seiner Körperbehinderung eingezogen. Da er infolge dieser seinen Dienst nicht voll ausführen konnte, wurde ihm dieser zur Qual und in seiner Not schrieb er uns erschütternde Briefe. Ich schrieb daraufhin an den Führer, er möge anordnen, daß man ihm einen Dienst anweise, dem er körperlich gewachsen sei. Dies hatte Erfolg, er wurde dem Reservelazarett in Reichenbach zur Dienstleistung zugewiesen.

Unser Siegeszug führte uns bis vor Leningrad, durch die Ukraine und den Kaukasus bis vor Stalingrad. Dort erhielten wir die erste Schlappe, 90.000 Mann fielen in Feindeshand. Nun schien sich die gigantische Kraft der deutschen Armeen erschöpft zu haben. Wir mussten in Rußland Schritt für Schritt zurückgehen, auch Afrika musste aufgegeben werden. Mussolini wurde in Italien durch Verrat beseitigt, die neue Regierung bot die Unterwerfung an und wandte sich gegen uns. Es folgten Rumänien, Bulgarien und auch Finnland. Damals bereits wurde mir klar, daß der Krieg für uns verloren war, den allgemeinen Glauben an eine den Sieg bringende Wunderwaffe konnte ich nicht teilen. Ich wurde als Schwarzseher angesehen, aber die Ereignisse, die ich nun schildern will, haben mir leider Recht gegeben.
...

Geändert von Helen (04.10.2013 um 21:18 Uhr)
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  #2  
Alt 05.10.2013, 12:18
Helen Helen ist offline weiblich
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Es ist der 4. Mai 1945. In Berlin stehen die letzten Stützpunkte im Endkampf mit den übermächtigen Sowjets. Der Führer ist gefallen, meldet der Rundfunk. In Mecklenburg haben sich Amerikaner und Russen auf einer Frontlänge von 130 km vereinigt, in Breslau tobt der bittere Endkampf. Vom Zobten her donnern die Kanonen die ganze Nacht mit zunehmender Stärke. Dort hat sich Feldmarschall Schörner den Russen nochmal gestellt, um den Bewohnern der Kreise Schweidnitz und Reichenbach Zeit zur Flucht zu verschaffen.

Am 5. Mai halte ich in Reichenbach noch einmal die Sprechstunde ab und zahle für die Angehörigen des Unternehmens Barthold und den Volkssturm die Gelder aus. Für alle Fälle lasse ich mir von der Bank noch 10.000 RM holen, damit die Gefolgschaft noch ein Gehaltsvorschuß für die kommenden Tage der Not gezahlt werden kann. Die Unentwegten sind noch zuversichtlich, hoffen noch mit kindlichem Glauben auf eine Wendung, faseln noch von der Wunderwaffe, die jetzt eingesetzt werden soll.

Wie kommt es nur, daß Männer wie der Amtsleiter selbst, dem ich seit Monaten schon das nun kommende Ende vorausgesagt habe, der mich immer als Schwarzseher bezeichnete, trotzdem mich aber immer wieder ins Gespräch über die Kriegslage zog, der doch ein kluger Mensch mit überdurchschnittlichen Geistesgaben war, daß auch er das kommende Unheil nicht sah? Oder der Arbeitskamerad Talheim, Leutnant des Weltkrieges , ein intelligenter Mann aber politischer Säugling, der auf Feldmarschall Schörner schwor, der die Lage noch wenden würde. Unser letztes Gespräch war ein heftiger Wortwechsel, in dessen Verlauf er mir Miesmacherei vorwarf.

Drei Tage später sah ich ihn wieder. In einer Abteilung Volkssturmmänner marschierte er durch Tuntschendorf in die Gefangenschaft. Am nächsten Morgen, einem Sonntage, kam plötzlich der Amtsleiter zu mir in die Wohnung in Peterswaldau. „Es ist soweit“, sagte er, „sofort abhauen zu den Amerikanern!“ Auf meinen Einwand, daß ich doch beabsichtige hier zu bleiben, erklärte er, daß die Behörden und deren Gefolgschaft auf Befahl der Kreisleitung sofort abzureisen haben. Wohin, wie und womit wurde nicht gesagt. Dieser Befehl kam viel zu spät, war unsinnig wie so viele vorangegangene und hatte viel Leid und Verlust von Hab und Gut zur Folge. Die diese Weisungen gaben, hatten Autos zur Verfügung und haben wohl auch zum größten Teil die amerikanischen Linien erreicht.

Die Gefolgschaften trieben sich einige Tage auf der Landstraße herum, ließen ihr Eigentum zu Haus im Stich, verloren noch das Wenige, das sie in der Eile zusammengerafft hatten und fielen den Russen in die Hände oder kletterten nach Tagen in ihre inzwischen von den freigelassenen Juden geplünderten Wohnungen zurück.
...
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  #3  
Alt 06.10.2013, 17:59
Helen Helen ist offline weiblich
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Nachdem ich dem Amtsleiter die noch vorhandenen Amtsgelder gegen Quittung übergeben hatte, setzte ich mich mit meiner z.Z. in Reichenbach weilenden Tochter telefonisch in Verbindung. Leider muß ich sagen, daß diese sich mir in der letzten Zeit etwas entfremdet hatte. Sie stand unter völligem Einfluß der Herren der Kreisbauernschaft. Unter blinden Optimisten lebend und arbeitend waren ihr meine trüben Voraussagen zuwider geworden, die sie in blindem Vertrauen auf das was uns die Führung durch Zeitung und Funk immer wieder sagte, ablehnte und wartete mit Zuversicht auf die Erfüllung der gemachten Versprechungen. In mir war der Glaube daran längst erloschen. Es kam soweit, daß wir uns hüteten von Politik und der Kriegslage zu sprechen, um unser seltenes Zusammensein nicht durch Meinungsverschiedenheiten zu stören.

Ich setzte mich also mit meiner Tochter in Verbindung und sie vermittelte mir die Möglichkeit, mich einem Güttmannsdorfer Treck anzuschließen, wozu ich mich aber im Laufe der nächsten Stunden bei der Kreisbauernschaft in Reichenbach einfinden sollte.

Ich packte also das Allernötigste in einen Koffer, ließ alles Übrige stehen und liegen und schob diesen auf dem Rade nach Reichenbach. Für meine Hausgehilfin Helene, welche zu ihrer Mutter nach Faulbrück gefahren war, hinterließ ich einen Zettel mit der Weisung, wieder nachhaus zu fahren, da ihre Mutter ja wahrscheinlich ebenfalls trecken würde.

Bei der Kreisbauernschaft war alles im Aufbruch. Meine Tochter hatte mir inzwischen Lebensmittel besorgt, die mir außerordentlich zustatten kamen. Sie selbst fuhr mit dem stellvertretenden Kreisbauernführer in dessen Auto nach Volpersdorf, wo sie Peter (ihr Sohn) und Frau Bittner (ihre Freundin) mit deren kleinen Tochter abholen und versuchen wollten, die amerikanischen Linien zu erreichen. Meine Tochter ahnte wohl nicht, mit welch bitterem Gefühl ich sehen mußte, wie sie ihr Geschick mit dem Fremder verband und mich stehen ließ, wie ich mit den Ereignissen der nächsten Tage fertig werden würde. Und doch war es gut so wie sie es machte. Aber das konnte ich damals ja noch nicht wissen.

Um 10 Uhr abends kam endlich der Treck aus Güttmannsdorf. Auf dem ersten der 13 Wagen fand ich Aufnahme. In stockdunkler Nacht begann die Fahrt. Einige wegkundige Frauen gingen mit ihren Rädern und einer Laterne vorweg. In Langenbielau setzte starker Regen ein, so daß die wegweisenden Frauen völlig durchnäßt wurden. Es wurde beschlossen, auf den Wagen sitzend den Morgen abzuwarten. Naß und durchfroren hockten wir zusammen und versuchten zu schlafen, was aber der Kälte wegen nicht gelang.

Am 7. Mai, 6 Uhr morgens fuhren wir weiter. Durch das lange Langenbielau, durch Tannenberg und über die steilen Berge zum Volpersdorfer Plänel. Ich hatte nun Zeit, meine Treckgenossen näher zu betrachten. Es waren keine Güttmannsdorfer Einwohner, sondern Bauern aus Jägerndorf bei Brieg, die sich längere Zeit in Güttmannsdorf aufgehalten und dort die Felder bestellt hatten. Aus Jägerndorf waren sie schon früher vor den Russen geflohen.

Mein Wagenführer war der Bauer Schönfelder, der zweite, ebenfalls ihm gehörende Wagen wurde von seiner Tochter geführt. Wie sich später herausstellte, war dies die Frau eines Regierungsinspektors vom Arbeitsamt Breslau.

Die Schönheit unserer Berge ließ die Bauern kalt. Sie verwünschten sie, da die Steigungen für ihre abgetriebenen Pferde fast unüberwindlich waren und die Fahrt bergab auf große Schwierigkeiten stieß, da die Wagen keine Hemmen besaßen.

Im zweiten Wagen befand sich Frau Schönfelder. Unterwegs wurde sie plötzlich krank, konnte nicht mehr sprechen, bekam den Mund nicht mehr zu und hatte große Schmerzen. Am Eingang des Dorfes Volpersdorf fragte Schönfelder nach einem Arzt. Dieser sollte am anderen Ende des Dorfes wohnen. Dort aber stellte sich heraus, daß er doch am Eingang des Dorfes wohnte. Schönfelder vertraute mir nun seinen Wagen an und fuhr mit Frau und Tochter wieder zurück. Der ganze Treck machte nun Halt und der Treckführer suchte den Bürgermeister auf, um sich Quartiere für die Nacht anweisen zu lassen.

Etwa 2 Stunden warteten wir auf der Straße bis endlich der Treckführer mit dem Bescheid zurückkam, jeder müsse sich selbst eine Unterkunft suchen. Da Schönfelder abwesend war und ich meine unruhigen Pferde nicht verlassen konnte, hatte er aber für unsere beiden Gespanne und noch ein drittes ein Quartier besorgt. Es war ein Gut hoch oben auf einem Berge mit einer umwegreichen und schwierigen Zufahrt. Ich hätte nicht geglaubt, daß meine eingerostete Fahrkunst ausreichen würde, um diese mühselige Zufahrt zu meistern, aber es ging besser als ich dachte. Ich brachte die Pferde in einer Scheune unter und fütterte sie.

Es war bereits später Abend als auch Schönfelder mit seiner wieder völlig gesunden Frau und der Tochter ankam. Der Arzt hatte sie ins Krankenhaus nach Neurode geschickt, wo der Frau, der beim Gähnen ausgehakte Unterkiefer wieder eingerenkt wurde. Jetzt erst wurde ich mit Schrecken gewahr, daß ich keine Lebensmittelkarte hatte. Diese hatte Helene in der Tasche, die aber bei meiner plötzlichen Abreise von Peterswaldau gar nicht anwesend war. Wie froh war ich nun, daß meine Tochter mich so reichlich versorgt hatte. Noch war keine Not, eine ganze Weile würde ich auch ohne den Lebensmittelpaß auskommen.
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Kann jemand sagen, von welchen Entfernungen die Rede ist? Wie weit könnte es von Reichenbach nach Langenbielau und weiter nach Volpersdorf sein?
VG Helen
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  #4  
Alt 06.10.2013, 18:10
Acanthurus Acanthurus ist offline
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Hallo, Dzierżoniów (Reichenbach) -> Bielawa (Langenbielau) wird heute von Ortsmitte zu Ortmitte mit 6 km angeben, von dort sind es bei heutigen Straßen knapp 17 km nach Wolibórz (Volpersdorf). Grüße, A.
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  #5  
Alt 06.10.2013, 18:18
Helen Helen ist offline weiblich
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Oh danke, das ist gut zu wissen. So kann ich mir die Strecke besser vorstellen.
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  #6  
Alt 06.10.2013, 18:31
Acanthurus Acanthurus ist offline
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Du kannst sie dir auch anschauen: https://maps.google.de/maps?saddr=Dz...ra=ls&t=h&z=12
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  #7  
Alt 06.10.2013, 19:56
Helen Helen ist offline weiblich
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Das ist sehr gut. Im Youtube-Portal gibt es über die Orte einige interessante Videos, die ich mir schon angeschaut habe - es ist eine schöne ländliche liebliche Landschaft.
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  #8  
Alt 06.10.2013, 20:11
Acanthurus Acanthurus ist offline
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Geh mit der Maus mal auf der Seite oben rechts auf "Karte" und klicke "Fotos" an. Dann werden dir auch noch Fotos an der Route angezeigt.

Grüße, Acanthurus
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  #9  
Alt 06.10.2013, 23:22
Helen Helen ist offline weiblich
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In der Küche des Quartiergebers hatten die beiden Frauen inzwischen das Abendbrot hergerichtet, zu welchem ich eingeladen wurde. Schlafgelegenheit war nur für die Frauen vorhanden. Schönfelder schlief auf dem Wagen und der Führer des dritten Wagens und ich schlugen unsere Lagerstatt in der Scheune auf. Auf Stroh und unter Pferdedecken haben wir auch dort ganz gut geschlafen.

Am andern Morgen donnerten die Kanonen nicht mehr aus Nordosten sondern ihr drohendes Gedröhn klang aus dem Norden und Nordwesten, aus der Waldenburger Gegend. Die Russen waren also dabei, uns den Weg durch das Sudetenland nach Westen abzuschneiden. Hier schon wurde es mir klar, daß unsere Flucht zwecklos sei, daß wir in die Hände der Russen hineinliefen. Ich schlug vor, zu bleiben, fand aber bei meinen Weggenossen weder Glauben noch Gehör. Und so brachen wir wieder auf, durch Neurode bis Tuntschendorf. Die Straße war verstopft mit Trecks aller Art, Volkssturmkolonnen, Wlasowtruppen, Einzelgänger, die ihre gerettete Habe auf Kinderwagen, Fahrrädern, Leiterwagen und sonstigen phantasievollen Vehikeln im Schweiße ihres Angesichts in Sicherheit zu bringen strebten. Ein wirres Durcheinander, das sich beim Zusammentreffen mit den Russen furchtbar auswirken mußte.

In Tuntschendorf nahmen wir wieder Quartier. Hier fanden auch die Frauen keine Schlafstelle und mußten auf den Wagen schlafen, während wir Männer unser Logis wieder in der Scheune aufschlugen. Wir müssen wohl sehr fest geschlafen haben, denn keiner von uns hat bemerkt, daß man neben uns 2 Pferde angeschirrt und gestohlen hatte.

Was nun tun? Mein dringendes Abraten von der Weiterfahrt wurde nicht beachtet. Das Wichtigste auf den nun gespannlosen Wagen wurde auf die beiden anderen verteilt und die Weiterreise in Richtung Braunau schleunigst angetreten. Da ich die Weiterreise als zwecklos ansah, trennte ich mich von dem Treck, in der Annahme, ihn nie wieder zu sehen.

Ich hatte gehört, daß der Stabsleiter der Kreisbauernschaft in Reichenbach, Herr Hanfler, mit seinem Auto inzwischen bei seiner schon in Tuntschendorf befindlichen Familie angekommen sei. Ich suchte ihn auf und es war mir sehr lieb, daß er mich aufforderte bei ihm zu bleiben. Wir waren uns darin einig, daß eine Weiterreise nach Braunau zwecklos sei und schmiedeten Pläne, wie wir aus diesem Hexenkessel heraus könnten. Ich schlug vor, ein ödes Gebirgsdorf aufzusuchen und weitab von dieser verfluchten Treckstrecke die Weiterentwicklung dieser Tragödie abzuwarten. Es kam nicht dazu, es war bereits zu spät.

Gegen 11 Uhr hörten wir plötzlich vor der Tür laute russische Flüche und ein wildes Geschieße. Vom Fenster heruntersehend bemerkte ich einen einzelnen russischen Soldaten, der mit Geschrei und Schreckschüssen jeden Passanten aufhielt, ihm zunächst die Uhr abnahm, ihn nach Waffen untersuchte und ihm befahl, sich neben der Straße aufzustellen. Ein einziger russischer Soldat unterbrach hier sämtlichen Verkehr nach Braunau. Ganze Kolonnen von Polizisten auf Rädern hielt er an. Eine Hand am Rade, den anderen Arm erhoben, so kamen sie an, wurden erst ihrer Uhren beraubt und mußten dann zu den anderen treten. Ein beschämender, erbitternder Anblick.

Inzwischen hatte der Soldat Hilfe erhalten und zwar durch einige, im Dorf beschäftigte Polen, die plötzlich, jeder mit einem Gewehr bewaffnet, bei ihm auftauchten und nun nach seinen Weisungen handelten. Vier kleine Jungen, die todesbleich mit erhobenen Armen sich näherten, schrie er an, sie sollen die Arme herunternehmen. Als sie ihn nicht verstanden, nahm er ihnen die Arme herunter und schickte sie nach Hause.

Ankommende Autos, deren Insassen die Lage nicht so schnell übersehen und weiterfahren wollten, wurden durch Schüsse in die Reifen gezwungen, zu halten. Ein Autoinsasse, der nur zögernd den Wagen verließ, zog irgendetwas aus der Tasche als ein Schuß des Russen ihn auch schon neben seinem Wagen zusammensacken ließ. Ich glaubte ihn tot, als er aber nach einer Weile stöhnte, schlug ihm der Russe mit dem Gewehrkolben den Schädel ein.

Unter meinem Fenster hatten sich inzwischen mehr als Hundert eingetroffene Volkssturmmänner, Polizisten und Zivilpersonen angesammelt, die Straße aus Neurode war verstopft von Fahrzeugen aller Art und all dies hatte ein einziger Russe aufgehalten und entwaffnet. Ich muß bekennen, daß dies für einen einzelnen Soldaten eine hervorragende Leistung war. Ihn umzulegen wäre ein Leichtes gewesen, aber niemand hatte den Mut dazu und es war auch besser, daß es nicht geschah, denn es war bereits Waffenstillstand, wie wir später erfuhren.

Am späten Nachmittag sah ich vom Fenster aus noch einen einzelnen Zivilisten auf seinem Rade kommen. Als er den Russen erkannte, wollte er schleunigst umdrehen, aber einige ihm nachgesandte Schüsse zwangen ihn zum Näherkommen. Es war mein Arbeitskamerad Mikeleitis, der wie anderen nach Abgabe der Uhr unter meinem Fenster Aufstellung nehmen mußte.
...
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  #10  
Alt 07.10.2013, 19:15
Helen Helen ist offline weiblich
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Gegen Abend kamen russische Fahrzeuge und motorisierte Truppen aller Art an. Die letzten fuhren durch in die Tschechei, wo die SS immer noch kämpfte. Die Pferdegespanne und die dazugehörenden Mannschaften blieben im Dorfe, wo sie Quartier nahmen. Es erschienen auch drei höhere Offiziere, die vor unserer Wohnung ausstiegen und denen der Soldat Meldung erstattete, wobei er ihnen den ansehnlichen Trupp seiner Gefangenen zeigte. Die Offiziere verfügten, daß die Zivilpersonen frei zu lassen seien, alles aber was Uniform trug, einschließlich Uniform der Eisenbahner, abzuführen sei.

Ich wagte mich nun auf die Straße, wo die Offiziere freundlich mit den nach und nach auftauchenden Frauen sprachen. Als ich bei der mangelnden Verständigung mit meinen russischen Sprachkenntnissen helfend einsprang, hielt mich der Offizier für einen Polen. Als ich sagte, ich sei Deutscher, mußte ich ihm erklären, woher ich meine Sprachkenntnisse habe. Er beauftragte mich, der Bevölkerung zu sagen, sie solle keine Angst haben, es werde ihr nichts geschehen. Eine Frau trat an ihn heran und beschwerte sich, daß man ihrem Mann die Uhr weggenommen habe. Da zuckte er die Schultern und wendete sich ab.

Die angehaltenen Trecks mussten nun umkehren und wurden in Richtung ihrer Heimat entlassen. Und nun kam auch der Strom der Flüchtlinge und Trecks zurück, die gestern und heute das Dorf in Richtung Braunau passiert hatten. So erschienen auch Schönfelders. Sie waren nicht weit gekommen. Vor ihnen war alles verstopft und in Braunau waren bereits die Russen gewesen. Ich wollte mich ihnen wieder anschließen, aber Hanfler und seine Frau sowie die mit ihnen zusammenwohnende Lehrersfrau Eisenmann aus Güttmannsdorf nebst Tochter baten mich dringend, doch bei ihnen zu bleiben. Sie hofften, daß ihnen meine Sprachkenntnisse von Nutzen sein würden.

Und so bin ich geblieben. Es war falsch, denn dadurch habe ich in Peterswaldau vieles verloren. Aber wer konnte damals wissen, was falsch oder was richtig sein könnte? Ich wollte auch Hanfler nicht enttäuschen, denn er war jederzeit gegen meine Tochter und auch mich gefällig und hilfsbereit gewesen.

Eine zunächst bedeutungslos erscheinende Begebenheit will ich hier noch erwähnen. Durch den Trubel der Straße, vorbei an zurückflutenden Trecks, marschierten Soldaten mit Geschützen aller Art, sprengte ein Russe auf einem wundervollen Hengste, der den Trakehner-Brand trug. Der Reiter hatte die Herrschaft über das Tier verloren. Wütend schlug ihm die Peitsche über den Kopf. Dies quittierte der Hengst damit, daß er seinen Reiter über mehrere Personen hinweg in den Straßengraben warf und seines Peinigers ledig über die Felder raste. Wie ich einige Tage später erfuhr, war dies Deutschlands berühmtester Hengst „Samurir“. Auf ihn komme ich zurück.

Während des ganzen Abends erschienen quartiersuchende Russen im Haus, die sich sämtliche Zimmer besahen. In unserem Zimmer waren 8 Personen, darunter 3 Kinder, es war also nicht möglich, noch jemanden aufzunehmen, obwohl wir mehrmals dazu aufgefordert wurden. Das im Flur gegenüber liegende Zimmer war verschlossen, die Inhaberin verreist. Nachdem einige Schlüssel ergebnislos probiert worden waren, sprengte ein Soldat die Tür mit einem Fußtritt. „Das ist Türöffnen auf russische Art.“ sagte er.

Noch mehrere Zimmer wurden belegt und obwohl beständig die Tür von Russen aufgerissen wurde, die sich den Raum eingehend betrachteten, legten wir uns doch zu Bett in der Hoffnung, daß wir dann Ruhe haben würden. Die drei im Hausflur stehenden Räder hatten wir sicherheitshalber ins Zimmer gebracht, weil wir bemerkt hatten, daß fast alle Russen im Besitz von Rädern waren, Herren- und Damenräder, die sie nur requiriert haben konnten, was auch daraus hervorging, daß einige die Kunst des Balancierens noch nicht beherrschten.

In der Mitte des Zimmers hatte ich mein Lager so hergerichtet, daß man über mich hinweg steigen mußte, wenn man zu den Betten der Frauen gelangen wollte. Die Tür hatten wir verschlossen. Alle Augenblicke klopfte es oder wir wurden aufgefordert, zu öffnen. Zuerst reagierten wir nicht darauf, Als man aber begann, die Tür einzuschlagen, zogen wir es vor, die Tür unverschlossen und das Licht brennen zu lassen.
...
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