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  #101  
Alt 03.06.2010, 16:18
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Dokument 89: Riga, Mittwoch, Weihnachten 1909:
Liebe Florrie,
Ich werde Deinen Brief sofort anfangen und ihn fertig schreiben, wenn ich kann. Heute ist wieder Badeabend, so daß ich sonst zu nichts komme. Heute nachmittag waren wir mit den Kindern mit ihren Schlitten draußen. Du hättest lachen können, wenn Du alle drei zusammen im Park gesehen hättest. Rudolf gab Harry ein Dreirad, das er sich schon seit einem Jahr gewünscht hat. Er und Dorothy können schon fahren und es gut um den Weihnachtsbaum lenken. Sie haben beide für uns Geschenke gemacht und sagten uns am Weihnachtstag Gedichte auf. Harry machte Rudolf einen Aschenbecher, eine Glasplatte mit Briefmarken darauf und mir machte er eine kleine Blumenvase aus einer vergoldeten Eierschale, die auf eine Karte geklebt, mit Reis bedeckt und grün angemalt ist. Dorothy machte Rudolf einen Federreiniger und mir ein Nadelbuch und einen kleinen geflochtenen Korb. Sie bekamen viele Geschenke, zwar nur Kleinigkeiten, aber sehr gut auf dem Tisch unter dem Baum angeordnet. Es hat einige Zeit gedauert, bis Dorothy das Dreirad mit ihrem scharfen Blick unter den Ästen entdeckt hat. Dann war die Aufregung groß! Harry sagte: "ich denke nicht, daß ich gut genug war, daß mir der Weihnachtsmann so etwas bringt!" Edith Schultz freute sich auch darüber, als sie kam und wünschte, daß sie ein Junge wäre, um auch so etwas bekommen zu können. Das Baby streitet schon mit Harry darum. Sie hat es gern, darauf gehoben und damit herumgefahren zu werden und ist sehr vorsichtig dabei. Wenn sie glücklich ist, dann geht sie herum und singt, so wie gerade jetzt, alle Weihnachtslieder. Die deutschen Weihnachtslieder sind so hübsch. Wenn Du willst, dann schicke ich Dir die Noten von einigen Stücken. Sie sind sehr einfach. Man kann die Akkorde dazu setzen, wenn man sie spielen will. Dorothys Taufmutter schickte ihr ein hübsches Neues Testament mit Bildern. Alice und Mrs. Drapper schickten ihnen ein Buch und Mrs. Smith, die Frau vom unitarischen Pastor schickte ihnen ein "Children´s Companion", so daß sie genügend englische Bücher bekommen haben. Ich kaufte auch noch ein deutsches Buch. Sie sind hier sehr teuer, aber die Bilder und die Reime sind so hübsch, niedlich und kindisch.
Sonnabend ist Neujahrstag und dann sind zum Glück die Feiertage vorbei. Wenn die Kinder so klein sind, dann sind Feiertage ein Durcheinander und bedeuten für einen selbst und die Bediensteten mehr Arbeit. Und diese Leute wollen dann noch ausgehen und erwarten zudem große Geschenke. Irgendwie fühlt man sich hier nicht so weihnachtlich wie zu Hause. Es gibt hier einmal keine "holly & mistletoe" und auch keine Feuer. Dorothys Taufmutter, Flora Smith schickte mit einen Zweig von "holly & mistletoe" in einem Magazin, aber ich fand ihn erst nach zwei Tagen, weil ich so viel zu tun hatte und er war vertrocknet. Ich würde gerne einen von dem haben, der am Tor von unserem alten Haus war. Ich denke, daß ich Tante Min bitten muß, mir einmal einen zu pflücken. Ich denke, daß Ihr, Du und Jack und die anderen eine schöne Zeit habt. Ihr scheint alle Freuden miterleben zu dürfen, die in Eurem Teil der Welt passieren. ... (Rest fehlt)
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  #102  
Alt 03.06.2010, 16:24
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1910
Dokument 90: Riga, Sonntag im Januar 1910

Lieber Arthur, liebe Jennie,
zu Weihnachten und zu Neujahr hatte ich keine Zeit zu schreiben, weil Harry so krank war und ich nicht eine Zeile von meiner englischen Verwandtschaft zu Weihnachten bekommen habe. Nur unser Bürofräulein hat daran gedacht und uns einen kleinen Weihnachtsbaum gebracht. Als ich am Weihnachtstag aufstand, war er angezündet und stand auf dem Frühstückstisch. Sallie schrieb mir auch einen langen Brief zu Neujahr. Alf ist drei Wochen lang krank zu Hause gewesen und Nellie liegt mit Muskelrheumatismus im Bett. Schließlich war Sallie auch noch krank.
Letzten Freitag war unser Weihnachtstag und Harry was zum ersten Mal seit letzten Montag wieder aufgestanden, aber ist noch immer sehr schwach. Gestern ging er das erste Mal wieder wie gewohnt allein, hat aber noch immer Fieber und die Drüsen in seinem Hals sind noch immer nicht ganz in Ordnung. So hatten wir sehr ruhige Weihnachten ohne Aufregung von Besuchern usw. Wenn Du nur unseren Weihnachtsbaum sehen könntest. Er ist, denke ich, der schönste, den wir jemals hatten. Er reicht wie immer bis zur Zimmerdecke und war so riesig, daß Rudolf einiges wegschneiden mußte, bevor wir ihn hereinbringen konnten, obwohl unsere Zimmer hoch sind. Er ist gut gewachsen und rund. Es ist immer schade, so viele Bäume abzusägen, da hunderte nicht verkauft werden und weggeschmissen werden. Die Kinder freuen sich auch sehr über ihre Geschenke. Jeder bekam eine Kiste Bausteine und vier oder fünf Bücher. Ich malte und lackierte für jedes Kind eine stabile Kartonschachtel. Für Dorothy ein Haus und für Harry eine Kaserne. Rudolf schnitt Fenster hinein. In Dorothys habe ich Möbel und eine Puppe hereingelegt und in Harrys Soldaten, Pferde und ein Auto. Harry bekam noch ein Gewehr und einen Helm (Er hat sich schon seit Monaten ein Gewehr gewünscht, obwohl er erst 2 1/2 Jahre alt ist) und Dorothy eine Packung farbige Bleistifte, Bilder (sie malt gern), ein Sprungseil, ein Federballspiel, zwei Rackets, einen roten Gurt und einen Engel, den sie über ihr Bett hängen kann. Und unser kostbares Baby bekam eine Jacke, ein Schaf (von dem sie nicht viel hält), einige Pyramiden Bausteine (hohle Würfel die ineinander passen) und drei von "Dean´s rag books". Sie liebt es, vom Weihnachtsbaum die Sachen herunter zu reißen und sie zu untersuchen. Du hast noch nie so ein prächtiges Baby gesehen. Ich bin sicher, daß Du sie stehlen würdest, wenn Du sie kennen würdest.
Dorothy machte uns allen in der Schule schöne Geschenke. Für Rudolf einen Aschenbecher und eine Hülle für Postkarten, für mich einen Strohkorb für Stricksachen und für Frieda einen Kartenständer. Sie hat alles selbst gemacht, aber die Lehrer haben es fertig gemacht. Sie hat auch für Rudolf einen Federreiniger gemacht, den sie aber irgendwo verlegt hat. Frieda ist heute ausgegangen, um "Puss-in-Books" anzusehen. Wir wollten eigentlich auch gehen, aber konnten nicht drei Sachen auf einmal tun. Wir blieben wie üblich mit den Babies zu Hause. Er ist mit Dorothy gerade zur Post gegangen. Wenn sie zurückkommen, werden wir den Baum wieder anzünden. Es müssen furchtbar viele Kerzen angezündet werden. Ich habe fünf Dutzend Halter darauf und es sind nicht zu viel. Ich habe auch 150 Kerzen gekauft, werde aber zu Neujahr noch einmal welche kaufen müssen da wir den Baum über die Feiertage behalten werden, weil ihn die Kinder so lieben.
8Uhr abends: Wir warteten und warteten bis 3.30Uhr, aber R. und D. kamen einfach nicht. Ich bekam langsam Angst, da es schon seit über einer Stunde gräßlich, diesig und dunkel ist.
Frieda, Pauline und ich waren zusammen im Büro mit Harry und dem Baby (Es ist unser großes Zimmer: 26 x 20 ft. und liegt zum Hinterhof hin). Ich schickte Pauline wegen etwas ins Kinderzimmer, wo sie am Fenster ein Klopfen hörte. Rudolf und Dorothy standen auf der Straße. Der Dvornik vom Nachbarhaus stand auf einer Leiter und klopfte mit einer Peitsche an unser Fenster. Es stellte sich heraus, daß Rudolf schon seit über einer Stunde herein zu kommen versuchte und Dorothy schon vor Kälte zu heulen anfing. Ich vermute, daß unser Dvornik über den Feiertag weggegangen ist und um 4 Uhr nachmittags schon die Eingangstür zugeschlossen hatte! Auf der Straßenseite ist keine Glocke und es gibt keine Möglichkeit, sich bemerkbar zu machen. Wenn jemand zu Besuch kommen wollte, könnte er auch nicht hereinkommen. Was würdest Du dazu sagen, wenn Du £80 dafür ausgeben müßtest, daß Du in solch einem Haus leben darfst! Und jetzt verlangt er dafür £96!
Montag: Es ist jetzt 11 Uhr morgens und so dunkel, daß wir im Eßzimmer Licht machen müssen. Ich bin heute ganz faul und liebe den Montagvormittag schon gar nicht. Mr. Smith hat gerade angerufen und uns eingeladen, morgen die Kinder mitzubringen, um ihren Weihnachtsbaum anzusehen. Natürlich kann der arme Harry schon seit Wochen nicht mehr herausgehen, aber ich denke, daß Frieda und ich es schaffen werden, das Baby und Dorothy mitzunehmen, weil es schon eine große Reise nach Sassenhof ist. Es bedeutet, daß eine Droschke, ein Boot und danach noch eine Droschke oder die Straßenbahn statt des Bootes genommen wird. Wir können aber auch mit dem Zug fahren, aber die Züge sind so unbequem und es ist so heiß in ihnen, daß man sich fast erkältet, wenn man wieder aussteigt.
Ich habe jetzt schon so viele Anläufe bei diesem Brief gemacht, daß es jetzt 5 Uhr geworden ist und ich darauf warte, daß Rudolf mitkommt und für das Baby ein Bett kauft. Oh! Diese Babies kosten sehr viel! Der Doktor war heute hier und kommt Sonnabend noch einmal. Harry ist noch immer sehr schwach und es geht ihm nur langsam besser. Seine Schulter und sein Hals sind noch immer geschwollen. Er muß zweimal am Tag mit Salbe eingeschmiert werden. Dr. Berg meint, daß er eine schwere Grippe und dazu alle möglichen Komplikationen hatte.
Alf schickte mir vier Weihnachtsausgaben, aber ich kann noch immer keine Ruhe finden, um sie zu lesen, obwohl sie so schön aussehen.
Frieda hat vor, zu Neujahr nach Libau zu fahren. Ich weiß nicht, ob wir dann mit einem Paar Händen weniger zurecht kommen werden, wo es Harry doch so schlecht geht, wenn sie nicht in seiner Nähe ist. Wenn sie wegfährt, muß er damit fertig werden. Ich befürchte nur, daß es ihm dann wieder schlechter gehen wird. Ich muß aber sagen, daß sie auch einmal eine Abwechslung nötig hat. Ich weiß, daß ich es auch gebrauchen könnte und wünschte, sie würde im Sommer gehen, weil es dann für mich viel leichter wäre, wenn wir in einer Villa sind.
In aller Eile wünsche ich Euch alles Liebe und vielen Dank an Florrie für ihren Brief. Deine Liebe Schwester Lily .
Wieviele von den Mädchen sind jetzt verlobt? Florrie gibt die ganze Zeit geheimnisvolle Hinweise von "Gentlemen friends," läßt mir aber keine Ruhe und erzählt mir nichts Genaues, wo ich doch auch Deine Meinung zu Jack hören möchte.
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  #103  
Alt 03.06.2010, 16:31
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Dokument 91: Riga, Sonntag, im Februar 1910:
Lieber Arthur,
Ich nehme an, daß Ihr alle denkt, nie mehr von mir zu hören, aber es ist immer die selbe alte Geschichte: keine Zeit! Vielen Dank für die "S. Gazette." Ich hoffe, daß Ihr alle Ausgaben, die Ihr habt, zu meinen Lasten zurückhalten werdet und sie von meinem Scheck abziehen werdet. Es ist für Euch doch schon genügend Aufregung, die ich Euch bereite, ohne Euch richtig entschädigen zu können. Hast Du schon "Nash´s" geschickt? Ich hoffe, daß es nicht verloren gegangen ist. H. Smith hat mir ein Magazin geschickt, das vom Zensor verwechselt wurde. Ich bekam ein seltsames Männermagazin. Es ist doch immer sicherer, meinen Namen auf das Buch selbst zu schreiben, so wie Du es immer machst. Whittles und Smiths warten beide darauf, daß ich es ausgelesen habe. Wir freuen uns alle schon auf das Pole Konto. Hast Du schon einmal etwas über das Buch "Liza of Lambeth" gehört? Es wurde im Guardian so gepriesen, daß ich dachte, es gerne haben zu wollen, wenn es sich lohnt.
Weißt Du, daß wir morgen sieben Jahre verheiratet sind? Scheint es nicht schon ewig her zu sein, daß ich von allen weg bin, wie ich weiß? Einerseits scheint es nicht lange her zu sein, aber andererseits doch. Wir wollen ein Fest - im kleinen Rahmen - machen und haben dazu den Eßtisch ins Büro gebracht, damit wir mehr Platz haben, da ich denke, daß wir die meiste Zeit am Tisch sitzen werden, weil hier das Essen am wichtigsten ist. Feste zu Hause sind viel lustiger und wir hatten viel öfter Gäste, wenn sie hier nicht so große Erwartungen hätten. Wenn Mrs. Whittle Freunde eingeladen hat, dann bleibt sie den nächsten Tag im Bett, um sich zu erholen. Ich hörte das von einer Dame - sie ist keine wirkliche Dame (ich muß leider sagen, daß es hier nur wenige gibt), die letzthin ein Fest mit Abendessen gab. Zuerst gab es, wie Du weißt, verschiedenste kalte Sachen, dann Sachen in Konserven (ohne sie gibt es hier kein Abendessen), dann Suppe, Fisch, Fleisch, Süßigkeiten, Obst, Tee und Kaffee. Sie hat nur ein Baby und einen Diener. Ihr Mann ist Ingenieur in einer Baumwollfabrik, aber auch kein höherer.
Ich werde es nicht in einem solchem Stil machen und ihnen zuerst Sardinen, Hummer mit Mayonnaise (heute frisch gemacht), russische Würste, kalten Wildbraten, Käse, Pickels und Bier anbieten. Danach gebackene Schweinshaxe, Apfelsoße, Kartoffeln und dann Baisé. Das ist Schlagsahne mit einer Hülle aus Eiweiß und Schokoladenstreuseln darauf. Ich erinnere mich, daß wir sie bei uns in England "Meringue" nennen. Diese habe ich Backen lassen. Und dann noch Rheinwein und Champagner. Danach gibt es dann Tee und Kaffee, Weihnachtskuchen und süße Kekse usw. Oh! Ich wünschte, Ihr würdet alle auch kommen! Ich erwarte Whittles, Balls, Smiths, Sewells und Meckeths. Das sind alles, außer den letzten, englische Paare. Mr. Sewell ist Direktor einer Baumwollfabrik in Sassenhof und seine Frau ist auch sehr nett. Ihr Haus ist auch sehr schön. Ich konnte sie nur schwer hierher einladen, aber wir können auch nichts für unsere Wohnung und fürchte, daß sie nicht kommen können, da sie zur Zeit in der Fabrik zu viel Arbeit haben und er auch Neuralgie hat. Wir werden auch weiter hier bleiben. Der Vermieter hat £5 bei der Miete nachgelassen und wird einiges für uns neu streichen und tapezieren.
Hast Du schon einmal von "Gotischen" Stühlen gehört? Wir haben uns für unser Wohnzimmer ein Dutzend gekauft und sie werden wie folgt beschrieben: Sie sind aus Eichenholz und haben braune Sitze. Die Rückenlehnen sind hoch mit Stegen, die mit furchtbar viel Schnitzereien verziert sind. Ich kann sie nicht beschreiben, aber Rudolf sagte: "komm und sieh selbst, dann weißt Du wie sie aussehen!" Rudolf hat mir auch einige herrliche Rheinwein Gläser (sie sehen aus wie Seifenblasen) und ein Dutzend silberne Teelöffel geschenkt. Die Griffe sind matt und das Monogramm L.K. ist schön eingraviert. Sie sehen schön aus, daß ich mit allen meinen neuen Sachen am liebsten angeben würde. Ich würde aber 50 mal lieber einige alte Freunde zu einem kalten Abendessen einladen, und mich nett mit ihnen unterhalten. Warte nur bis ich nach England komme. Dann werde ich zuerst einmal eine Woche lang nur "Fish & Chips" essen, worauf ich hier so Appetit habe. Ich denke, daß hier Möbel teurer sind, als in England. Jeder unserer Stühle hat £1 gekostet und sie haben nicht einmal Sitzfedern. Das Leder ist so wie bei den amerikanischen Holzsachen und im Holzrahmen festgemacht. Die Holzschnitzereien sind hier sehr schön, aber die Holzarbeiten sind grob und ungenau. Es ist hier üblich, daß Verzierungen einfach aufgeklebt sind. Sie sind sehr repräsentativ, aber nicht sehr haltbar. Ich muß mich jetzt beeilen, weil Dorothy schon ins Bett gehen will. Harry und das Baby sind schon im Bett. Harry ist wie immer in seiner ausgelassenen Stimmung. Ich habe einen Schneider hier, der ihre Kleider für den Frühling und den Sommer richtet, aber das wird mir jetzt auch zu viel.
Harry ist noch nicht 2 3/4 Jahre alt und sieht so blendend in seinem Hemd und den Knickers aus, daß man ihn schon für einen großen vierjährigen Jungen halten könnte. Wir haben aus Libau schlechte Nachrichten bekommen und werden dort einige Tagen hinfahren müssen, weil Rudolfs Mutter sehr krank ist und schwere Herzanfälle hatte. Cousin John wird telegraphieren, wenn es notwendig wird. Wenn sie sich erholt, dann wird Johns erstes Baby am 21. getauft und wir wollen hinfahren. Ich konnte nicht zu der Hochzeit fahren, da sie in der Woche nach der Geburt vom Baby war. Hoffentlich schreibt bald mal wieder jemand von Euch, da Ihr jetzt an der Reihe seid.
Liebe Grüße von Deiner lieben Schwester Lily -
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  #104  
Alt 03.06.2010, 16:38
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Dokument 92: Bona Ventura, Jägel See, 20.08./03.09.1910
Lieber Arthur,
Das ist jetzt mein letzter Brief an Dich von hier, weil wir am 1. wieder in die Stadt zurückkehren. Die meisten sind schon zurückgefahren, weil am Montag die Schule beginnt. Wir essen jetzt nicht mehr in der Veranda und haben einen Raum zu unserem Eßzimmer gemacht, weil es zum Abendessen schon zu kühl wurde. Erinnerst Du Dich, wie einmal an Mrs Whittle in Apply Bridge geschrieben wurde, daß sie kommen sollte, um Euch zu besuchen? Sie ist jetzt wieder in England und ich wollte ihr etwas für die Zwillinge mitschicken, aber sie segelte ohne es mir zu erzählen, so daß ich es nicht konnte. Das hat mich furchtbar geärgert. Die Leute hier sind nicht sehr freundlich und haben - denke ich - Angst davor, um einen Gefallen gebeten zu werden. Da siehst Du, daß immer jemand etwas nach England mitgeben will. In Libau ist es genau das Gleiche und weiß der Himmel, wann wir Frieda wieder erwarten dürfen. Die Kinder haben auch schon die Hoffnung aufgegeben, daß sie zurückkommen wird. Es wird uns nichts anderes übrigbleiben, als daß wir für sie einen Fremden nehmen müssen, auch wenn ich das hasse. Ich würde Dorothy lieber in einen Kindergarten schicken und einen Verwandten bei uns haben. Dieses Mal werde ich versuchen, ein Mädchen zu bekommen, das schon einen Kindergartenkurs absolviert hat. Mrs. Mann hatte vergangenes Jahr eine für ihre drei Kinder (7, 5 und 2 1/2) und war zufrieden. Sie flicken auch ihre Wäsche selbst.
Baby ist das fröhlichste kleine Ding, das man jemals gesehen hat und ist genauso, wie Vera war. Sie hat einen Lieblingsstuhl, auf dem niemand außer ihr sitzen darf und den stellt sie ganz nah zu mir. Wenn ich aufstehe, folgt sie mir wie ein Schatten. Sie hat jetzt eine unangenehme Angewohnheit angenommen und steht um 6Uhr morgens auf. Solange ich ein zweites Mädchen habe, macht es mir nichts aus, aber ich möchte in der Stadt keine zwei behalten, solange ich ein Fräulein und eine Putzfrau habe. Aber es wird dann ärgerlich sein, weil ich dann in der Nacht alle drei Kinder habe und oft gestört werde, so daß ich dann nicht so früh aufstehen kann. Natürlich wird ein Fräulein das Beste sein. Sie wollen immer, daß man ihnen vorliest und sie etwas unterrichtet, aber ich konnte es bis jetzt nicht so gut machen, weil ich auch keine Zeit dafür gehabt habe. Das jetzige Mädchen kann nicht einmal kochen und ich kann ihr die Sachen nicht erklären, weil sie nicht deutsch sprechen kann. In der Stadt muß ich dann die ganze Zeit in der Küche sein. Ich weiß dann nicht, wie die Kinder es schaffen werden, an die frische Luft zu kommen. Ich beneide alle, die einen Garten haben. Es ist so scheußlich, in einer Wohnung leben zu müssen, wenn man Kinder hat.
Dieser Platz hier gefällt uns am besten. Wir haben uns entschlossen, nächsten Sommer wieder hierher zu kommen. Ich will es selbst und daher ist es beschlossen! Wenn wir uns jetzt entschließen, können wir unsere Sachen hier lassen, die wie nicht in der Stadt benötigen und sie werden dann nächstes Jahr für uns schon bereit liegen.
Ein Neffe von Rudolf will bis Montag zu uns kommen. Er ist 18 Jahre alt, hat in Libau die Schule beendet und will jetzt in Riga an der Universität studieren. Harry ist sehr aufgeregt.
Er liebt und bewundert große Jungen.
Der blöde alte "Guardian" hat wieder aufgehört. Das passiert immer wenn irgend etwas Interessantes darin ist. Ich denke, daß der Fall Crippen vorbei sein wird, bevor Rudolf einen Weg finden wird oder Zeit hat, einen kleinen Scheck zu schicken. Ich denke, daß sie ihn noch eine Zeit lang weiter schicken würden, nachdem sie bemerkt haben, daß "Nash´s" auch abgelaufen ist, aber ich werde dieses Blatt nicht weiter beziehen. Ich denke nicht, daß es das Wert ist. Ich würde lieber einige 6 Pence Ausgaben haben wollen, da ich Kurzgeschichten nicht mag. Ich nehme an, daß Du vergessen hast, mir einige zu schicken, um die ich gebeten habe. Das macht aber nichts aus, da meine faule Zeit jetzt vorbei ist (nicht daß ich dieses Jahr viel davon gehabt hätte). Ich möchte aber gerne eine Sache von Dir zugeschickt bekommen (oder sag es Deiner Buchhandlung), wenn Du Zeit hast. Es ist die "Children´s Encyclopedia" (das ist die, die Du nur einmal hast), da die Kinder doch alles und über alles Bescheid wissen wollen. Es wird auch später einmal für sie nützlich sein, wenn sie in der Schule sind. Ich weiß noch ganz genau, wie mir die Encyclopedia in der Schule geholfen hat. Ich frage mich immer, was Ted damit gemacht hat. Weißt Du, daß ich oft Sehnsucht nach den alten Möbeln habe. Ich frage mich immer, ob ich sie noch einmal zu sehen bekomme. Ich bin noch immer so furchtbar froh, daß Du den Ohrensessel bekommen hast. Ich habe meine glücklichste Zeit in ihm verbracht. Laß es nicht zu, daß er die Familie verläßt. Ich frage mich auch immer wieder, ob ich mich noch einmal auf den Schaukelstuhl setzen kann, auf dem Mutter und Harry immer saßen. Rose Deakin wollte ihn für mich aufheben. Wenn ich nur in England leben gekonnt hätte. Ich könnte dann auch etwas von dem behalten haben, was Pa gemacht hat. Ich frage mich auch, ob Sidney noch immer den Bücherschrank hat.
Das Leben ist schon gut und sehr komfortabel, aber es ist nicht so, wenn man nicht in England mit den eigenen Menschen leben kann. Hier, wo ich allein sein kann, habe ich nicht solches Heimweh wie in der Stadt, weil ich immer denke, daß auch Rudolf Engländer ist. Es ist aber nicht gut, weiter sentimental zu sein. Das Baby ist aufgewacht und Harry schreit, weil er mich verloren hat. Jetzt ist außerdem Kaffeezeit.
Auf Wiedersehen und liebe Grüße an Dich und Jennie und alle anderen. Deine sehr liebe Schwester Lily.
Montag: P.S. Rudolf brachte mir Deinen lieben langen Brief am Sonnabend abend. Ich habe auch einen von Alice und von Minnie Mitchell und auch zwei Karten aus Libau bekommen, da am Sonntag mein Geburtstag war. Rudolf schenkte mir ein Kochbuch und einige Hähne. Außerdem ein Kleid mit Spitzen, das ich aber noch nicht habe, weil ich es mir selbst aussuchen soll. Fritz brachte mir eine große Schachtel Pralinen von seiner Mutter mit. Die Kinder hatten mit Fritz eine schöne Zeit, da sie dieses Jahr auch sehr wenig Besucher hatten. Heute früh verließ er uns. Sein Eintrittsexamen fängt heute an und er hofft es zu schaffen. Die Universität ist so überfüllt, daß sie jetzt schon Eintrittsexamen machen. Ich habe mich so gefreut, von Veras Erfolg zu hören. Ich weiß aber nicht, ob ich ihr gratulieren soll.
Ich vergesse oft Sachen zu sagen, die ich sagen will, komme auch nicht dazu zu schreiben und die Kinder sprechen auch die ganze Zeit. Ich schreibe gerade auf dem Kindertisch und sitze im Garten auf der obersten Stufe zur Veranda.
Dorothy "unterrichtet (!)" darauf (und stößt ihn die ganze Zeit mit den Füßen), Harry wartet darauf, daß ich ihm "Struwel Peter" vorlese und das Baby schläft. Die letzte Familie verließ uns heute und wir sind jetzt allein. Ich werde traurig sein, wenn unsere Zeit kommt und wir gehen müssen. Du weißt nicht, was es bedeutet, in diesen alten Städten und besonders in der Nähe der König Straße zu leben, die man mit der Bridge Street in Manchester vergleichen kann. Sie ist doppelt so breit, aber weil hier jeder Holz verbrennt, ist die Luft sauberer. Das sind die Straßen aber nicht, weil sie niemals richtig gewaschen werden und hier jeder einfach darauf ausspuckt. Wie würde es eigentlich Euch gefallen, in einer solchen Stadt neun Monate lang leben zu müssen. Aber ich hoffe, daß ich es nicht so lange muß, weil Rudolf in seinem Geschäft allein arbeitet. Es ist auch besser für ihn, weil er immer am gleichen Ort ist. So wie Mrs. Brigham. Ich hoffe, daß es Jennie dieses Jahr gut gegangen ist.
Liebe Grüße usw. Lily -
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  #105  
Alt 03.06.2010, 16:41
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Dokument 92 a Riga, Mittwoch 14.09.1910

Lieber Arthur und liebe Jennie,
ich schreibe in Eile, um zu fragen, ob eines Eurer Mädchen nicht herüberkommen will, um mir bei den Babies zu helfen. Wenn eine kommen will, würden wir ihr die Überfahrt hin und zurück, sowie Deutschstunden oder Musikstunden zahlen, wenn sie hier ist. Frieda mußte wieder nach Hause fahren und ihre Mutter versorgen und ich kann nicht alles allein machen. Wir haben eine Anzeige wegen einer Hilfe aufgegeben und jetzt kommen sie in Massen, aber ich hasse Fremde. Ich denke aber, daß sie es langweilig finden wird, wo es bei Euch doch so lebhaft zugeht und wir nur mit den Babies ausgehen. Wir lassen sie niemals mit einer Bedienung allein. Frieda war zufrieden, daß sie zu Hause sitzen konnte, da sie schon älter war, aber für ein junges Mädchen wäre das schon anders. Ich dachte nur, daß vielleicht jemand von Euch kommen wollte. Es wäre eine gute Gelegenheit und wir würden uns sehr darüber freuen. Ich danke, daß das Baby spätestens in zwei Monaten allein gehen wird. Dann wird es einfacher werden. Natürlich werden wir im Sommer wieder an den Strand gehen und sie könnte dann etwas vom fremden Leben sehen. Ich habe gerade ein furchtbar schönes Mädchen gesehen, das aber dorthin gehen will, wo die Kinder schon größer sind, die sie dann auch unterrichten kann. Eine Dame erzählte mir, daß sie keine eigenen Kinder hat und sie Kinder deshalb nicht versteht. Denke gut darüber nach, bevor Du Dich entscheidest, da ich nicht will, daß eine kommt und dann enttäuscht ist. Ich möchte gerne wieder jemand von Euch sehen, aber ich denke, daß Ihr sie nicht kommen laßt, weil sie dann wahrscheinlich Heimweh bekommen würden. Entschuldige bitte die Kleckse. Ich hebe eine neue Füllfeder und nur einen Fleck zum Schreiben. Die Kinder warten auch darauf, ins Bett gebracht zu werden. Unser Fest war ein großer Erfolg. Alle kamen. Die Männer rauchten nach dem Mittagessen und wir Damen zogen uns zurück, schwätzten, tranken Tee und Kaffee und dann fing jemand an zu spielen und wir tanzten bis nach 2 Uhr mittags. Mein Tisch sah hübsch aus. Rudolf brachte mir Teerosen und rote Nelken für £1 (zusammen drei Dutzend). Wir nahmen eine Teerose für eine Dame und eine Nelke für einen Herrn, so daß jeder wußte, wo er sitzen mußte. Die Blumen waren in Vasen und ebenso auch die Kerzen mit schönen Manschetten.
Ich habe jetzt keine Zeit mehr. Schickt mir doch bald einmal eine Ansichtskarte und teilt mir mit, was Ihr beschlossen habt.
Liebe Grüße an alle von Eurer lieben Schwester Lily -
Ihr dürft natürlich nicht denken, daß wir sie nur für ein Jahr haben wollen, wenn sie länger bleiben wollen. Ich dachte nur, daß es keinen Sinn hätte, kürzer zu kommen. Sie könnte dann einen Sommer und einen Winter in der Fremde erleben.
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  #106  
Alt 03.06.2010, 16:44
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Dokument 93: Riga, Montag 23.11.1910 (Poststempel), 10Uhr morgens.
Lieber Arthur und liebe Jennie,
Alle Kinder sind jetzt im Bett, aber ich kann das Baby noch hören, wie es um ihr Bett wandert und sich freut. Ich denke, daß ich heute Nacht wenig Ruhe haben werde und schon fertig schreiben will, weil ich nicht viel zu sagen habe. Sallie schickte uns eine Einladung zu Nellies Hochzeit und das hat mir, denke ich, noch mehr Heimweh bereitet. Wirst Du hingehen? Ich hoffe, daß ich von Florrie einmal einen langen Bericht bekommen werde.
Wir sind hier so vom Unglück verfolgt, daß ich ganz dünn werde und meine Kleider teilweise wie ein Sack sind. Das bringt mich zur Verzweiflung, weil es für mich wieder zusätzliche Arbeit bedeutet, da ich den ganzen Tag und die halbe Nacht auf den Füßen bin. Unsere Hilfe verschwand auch wieder nach einer Woche und war mehr eine Behinderung als eine Hilfe. Unser nettes Bürofräulein ist auch mit einer Lungenentzündung zu Hause und ich habe große Angst um sie. Ich habe sie so gern, daß es jetzt schon schrecklich ohne sie ist. Frieda ist auch weg. Wenn Rudolf weg gehen will, muß doch auch jemand da sein und ins Büro gehen. Und schließlich wird uns auch Pauline, die jetzt zwei Jahre bei uns war, am Freitag verlassen. Die Kinder hatten sie doch so gern! Sie geht nach Moskau. Das Strandleben hat sie verdorben, weil sie dort einen russischen Diener kennengelernt und von ihm gehört hat, welche hohen Gehälter sie dort bekommen. Dann kann man mit ihnen nichts mehr anfangen. Sie tut mir so leid, da ich sie mag, aber sie ist faul geworden. Wenn sie gut zu den Kindern sind, muß man sich um die anderen Sachen kümmern, aber keine von ihnen ist vollkommen. Wenn man eine bekommt, die ordentlich und sauber ist, dann kann man dankbar sein. Ich habe einige russische und deutsche Lieder für die Mädchen gekauft und werde sie herüber schicken, wenn ich dafür Zeit habe. Ein bestimmtes Stück, das ich haben wollte, habe ich nicht bekommen und muß es irgendwann noch einmal versuchen. Bitte doch, wenn mein Scheck kommt, eines der Mädchen, mir eine leichte Ausgabe vom "Mikado" zu besorgen. Hier wird immer nur die "Geisha", aber niemals der "Mikado" gespielt. Macht das viel Umstände? Denkst Du, daß die "Children´s Encyclopedia" sich lohnt? Ich habe einige Ausgaben bei Mrs. Smith gesehen und sie gefallen mir. Ich denke, daß es vielleicht einmal günstig in einer Gebrauchtliste zu finden sein wird. Ich habe jetzt das Baby zum dritten Mal zugedeckt. Sie saß da und spielte mit einem Kissen. Ich weiß nicht, ob diese letzte Nichte eine Bowes oder eine Karnowsky ist, aber ich weiß, daß sie mir fast alle Kraft nimmt. Sie ist voller Schwung und lebhaft, schläft sehr wenig und ist das lustigste Mädchen, das ich jemals gesehen habe. Ich muß aber jetzt fertig werden, weil ich zu müde bin, um noch mehr zu schreiben und ich denke, daß es 12 oder 1Uhr morgens werden wird, bevor mich diese junge Dame schlafen läßt.
Dienstag: Heute ist es unheimlich schön mit solch einem schönen Sonnenschein, daß man sich schon fast so wie im Sommer fühlt. Leider kann ich mit den Kindern unter diesen Umständen nicht ausgehen. Wenn Frieda und das Bürofräulein hier wären, wären wir länger mit ihnen herausgegangen. Rudolf geht es auch nicht so gut. Er leidet im Winter immer an einer häßlichen Neuralgie (oder Muskelrheumatismus, wie es der Doktor nennt). Wenn er nur die geringste Erkältung hat, dann hat er wieder einen schlimmen Anfall. Ich habe auch wieder schreckliche Kopf- und Rückenschmerzen bekommen und möchte mich gerne einmal ausruhen, aber Du weißt, daß ich wie ein Zugpferd bin und lange weitermachen kann, auch wenn ich nur noch halb so kräftig bin, wie ich es in Blackpool war. Es ist hier ein Klima wie in Southport, bei dem man sich gut erholen kann und sich sehr müde fühlt, wenn man niemals von hier wegkommt.
Du kennst doch Herbert Noar aus Eccles. Eines seiner Mädchen ist hier bei ihrer Tante Mrs. Hogg (Mr. Hogg ist Emma Bennets Bruder). Sie hat mich zwei- oder dreimal besucht und war letzten Montag auch hier. Sie wird im Mai wiederkommen. Ich denke, daß sie ein wenig Heimweh hat und ihre kleine Schwester in Dorothys Alter vermißt. Die Kinder von Mrs. Hogg sind älter. Sie hat sich gefreut, den "Manchester Guardian" wieder zu sehen und nahm zwei Ausgaben mit, um sie zu ihrem Vergnügen zu lesen. Wenn man so einen milden Winter wie diesen erlebt, schöpft man wieder neue Hoffnung. Es sieht wirklich schon so aus, als würde der Frühling schon kommen. Die Schiffe konnten auch die ganze Zeit fahren. Die Düna war weiter oberhalb gefroren, aber jetzt haben wir Eisgang, jedoch mit wenig Eis. Die Fährboote fahren fast die ganze Zeit, aber die Pontonbrücke wurde herausgenommen. Rudolf sagt, daß es fast so, wie im ersten Jahr, in dem ich hierher gekommen bin, ist. Dann habe ich wieder an diese schlimmen, so ekelhaften Winter gedacht, daß ich schon wieder dachte, daß dieser Winter doch sehr angenehm war.
In diesem Jahr wird der 200. Jahrestag von Rigas Eroberung durch Rußland gefeiert. Davor gehörte das Land zu Schweden. Im Alexander Boulevard haben sie eine riesige Statue von Peter dem Großen errichtet und ich denke, daß sie auch Feiern veranstalten werden, die aber, so denke ich, für die Balten und die Letten halbherzig sein werden da sie einerseits die Russen nicht gerade sehr lieben, aber andererseits doch mit jubeln müssen, wenn man es von ihnen erwartet.
Ich habe gerade die Putzfrau zur Stellenvermittlung weggeschickt. Dort kann man sehr viele Mädchen haben, die von ihren Damen weggegangen sind. Für mich ist das ein Wunder, daß einerseits alles sehr teuer ist, aber die Gehälter sehr niedrig sind. Viele der Damen würden für £1 pro Monat kommen. Und für ein Büromädchen, das außerhalb lebt, ist £1 pro Woche eine gute Bezahlung - nur wenige verdienen so viel. Die meisten bekommen 15/- bis 19/-. Ich frage mich, wie sie davon leben können, wo doch Kleider usw. so teuer sind.
Ich kann jetzt nicht mehr schreiben. Die Kinder sind ziemlich kränklich und streiten sich schon die ganze Zeit. Ich denke, daß sie mehr frische Luft brauchen, weil sie immer schön miteinander spielen.
Liebe Grüße an alle von Deiner lieben Schwester Lily -
P.S. Hast Du das Buch "Liza of Lambeth" gesehen?
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  #107  
Alt 03.06.2010, 16:48
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1911

Dokument 94: Montag, 3. Januar 1911:
Das neue Jahr hat begonnen. Jetzt am Donnerstag ist ein weiterer Feiertag. Die Heiligen Drei Könige. Dann machen die russischen Popen eine Prozession von der Kathedrale zur Düna und segnen das Wasser. Das ist ein hoher Feiertag. Dann geht es wieder los. Wir gingen an Silvester (New Years Eve) um 6Uhr abends in die deutsche Kirche. Ich war auch überrascht, daß ich in der Kirche oft heulen mußte, aber ich fühle mich in einer deutsche Kirche besonders einsam und dort saß ein Mann vor mir, dessen hintere Ansicht mich genau an Vater erinnerte. Mathilde ging auch in die Kirche. Als wir nach Hause kamen, ging das Fräulein nach Hause, um das neue Jahr zu erwarten (hier sagen sie ihr Schicksal am Silvesterabend voraus, wie bei uns am "All Hallows Eve"). Am kommenden Tag hatte sie frei und am Sonntag dann Mathilde.
Gestern dachte ich dann, daß man ein oder zwei Stunden ausgehen könnte, da wir die ganze Zeit während der Feiertage zu Hause saßen und uns keinen Spaß gönnten. Nach dem Essen fuhren Rudolf und ich nach Bona Ventura. Wir wünschten dem Vertreter und seiner Frau ein glückliches Neues Jahr und bestellten noch 4 cwt. Kartoffeln und kamen um 7 Uhr abends nach Hause. Draußen war alles mit dickem Schnee bedeckt und es waren noch viele Menschen unterwegs, die auf der Chaussee fuhren oder spazierten. Es war herrlich, wieder einmal aus der Stadt heraus zu kommen. Wir werden wahrscheinlich Anfang Mai hinfahren. Vater sagte, er würde "Eliz & her Garden" und später "The Brass Bottle" schicken, aber gestern kam "Running Water" an. Ich habe es angefangen, obwohl ich es eigentlich für den Sommer aufheben wollte, aber dann doch nicht warten konnte.
An Silvester brachte mir Mrs. Schultz die Weihnachtsausgabe von Pears & "The Ladies Home Journal". Das ist wirklich das schönste Magazin, das ich seit langer Zeit gesehen habe. Wenn ich es hier bekomme und es nicht zu teuer ist, werde ich es zur Abwechslung eine Zeit lang nehmen. Es wird in Philadelphia herausgegeben. Ich denke, daß die amerikanischen Bilder viel besser als unsere sind. Die letzten zwei Tage haben die Glocken ununterbrochen geläutet. Man verteilt hier keine Weihnachtsgeschenke, sondern Neujahrsgeschenke, die nichts anderes bedeuten, als daß man nur am Geld ausgeben ist. Alle Vagabunde kommen, um einem "Good Luck" zu wünschen und man muß ihnen dann Geld geben. Gerade hat Rudolf drei Wachmännern ein Trinkgeld gegeben - Weiß der Himmel, wieviele noch kommen werden, obwohl wir doch nur einen eigenen haben. Und sie sind alle so betrunken und schmutzig! Ich drängte Rudolf dazu, diese zwei Tage weg zu fahren.
Wir bekommen jeden Tag drei Zeitungen (auch den Guardian). Jede kommt extra, so daß man dreimal Trinkgeld geben muß. Dann kommen die Briefträger, Telegraphenmänner, Fuhrleute, Hausmeister, Polizisten, viele Zöllner, sowie Arbeiter von allen Firmen, die "Rosin Sallow" usw. von Rudolf kaufen - nicht zu vergessen die Milchfrau, den Fleischerjungen und die Putzfrau. Diese Geldgierigen sind hier unverschämter als in England. Wirst Du dieses Jahr das Haus verlassen oder Dich etwas länger amüsieren und bis 1912 warten? Wenn es so ist, muß ich auch noch etwas warten.
Jetzt aber liebe Grüße an Euch alle. Ich hoffe, bald wieder von jemand von Euch zu hören.
Deine liebe Tante Lily -
Montag 10Uhr morgens. Der Scheck ist angekommen. Vielen Dank. Ich war gerade auf dem Markt. Hier bläst ein starker Wind, so daß die armen Kinder nicht heraus können! Gestern waren wir in der Kirche und haben am Nachmittag den Baum zum letzten Mal angezündet. Freitag gehen wir zu Balls zum Abendessen. Es ist Mr. Balls Namenstag. Donnerstag waren wir im Theater.
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  #108  
Alt 12.11.2014, 13:23
Wolfg. G. Fischer Wolfg. G. Fischer ist offline männlich
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Hallo Frank,

toll, was Du hier eingestellt hast. Schade, dass es hier abbricht.

Mit besten Grüßen
Wolfgang
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  #109  
Alt 12.11.2014, 14:33
econ econ ist offline
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Registriert seit: 03.01.2012
Beiträge: 1.397
Daumen hoch

Hallo,

ich schließe mich meinem Vorredner an.
@Wolfgang: Vielen Dank, daß du diesen Thread ausgegraben hast. Ich werde alles in Ruhe lesen.

LG von Econ
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