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  #1  
Alt 28.04.2019, 11:22
Benutzerbild von consanguineus
consanguineus consanguineus ist offline männlich
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Standard Welcher Art ist die Beziehung des verstorbenen Hinrik Botel zu zwei Bauern in juristischer Hinsicht?

Hallo zusammen!

Im Testament des Hinrik Botel aus dem Jahre 1480 (Stadtarchiv Braunschweig B I 20 Nr.15 fol. 203v) heißt es:

"Jtem Alheyde myner eliken Husfruwen, geue ek 5 ½ mark pe(n)ninge, an sandgroyüen Hofe to groten dengkte Jtem dre mark geue ek ore an der Arkerodes haluen hoyue landes to Sigkte"

Auf Hochdeutsch:

"Außerdem gebe ich meiner Ehefrau Alheyde 5 ½ Mark Penninge an Sandgroves Hof in Groß Denkte, außerdem gebe ich ihr drei Mark an Arkerodes halber Hufe Landes zu Sickte."

Was genau hat Hinrik Botel nun mit Sandgrove bzw. dessen Hof und Arkerode bzw. dessen halber Hufe Land zu tun?

Hat Hinrik Botel diesen beiden Bauern Geld geliehen und vererbt die entsprechenden Forderungen an seine Ehefrau Alheyde? Oder ist Hinrik Botel der Lehnsherr und Sandgrove in Groß Denkte und Arkerode in Sickte seine Aftervasallen bzw. seine Meier (Pächter)?

Bei Sandgrove handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Henning Sandgrove, welcher in Groß Denkte wohnte, aber seinen (anderen?) Hof in Klein Vahlberg wenige Jahre zuvor seinem Lehnsherren, Curd von der Asseburg d.Ä., aufgelassen hatte, verbunden mit der Bitte, Henning Calm d. Ä., einen Braunschweiger Bürger, damit zu belehnen, was dann auch geschah (Asseburger Urkundenbuch, Band 3 (bis 1500), Regest No. 2231). Dieser Umstand spricht auf den ersten Blick eigentlich dafür, daß Henning Sandgrove kein Bauer war, denn die Asseburger, wie auch andere Familien des niederen Adels, belehnten normalerweise keine Bauern unmittelbar, sondern nur Stadtbürger, die dann diese Höfe oder Ländereien wiederum an Bauern gegen Geld zur Nutzung überließen. Die Erwähnung der Braunschweiger Bürger Henning Horneburg und Hans Schorkop in derselben Urkunde als "belehnte Mannen" des Curd von der Asseburg deutet allerdings darauf hin, daß Henning Sandgrove von diesen belehnt wurde (was aus dem Text jedoch nicht klar hervorgeht), und nicht von deren Lehnsherrn Curd von der Asseburg. Es tauchen die Sandgrove schon lange vorher als Hörige in verschiedenen Dörfern direkt um Groß Denkte herum auf. Also wohl doch (unfreie) Bauern, zumindest vor 1433, dem Jahr, in dem im Herzogtum Braunschweig die Leibeigenschaft abgeschafft wurde. Zu Arkerode kann ich im Moment nichts sagen. Ich gehe davon aus, daß Sandgrove und Arkerode tatsächlich Bauern waren, es insofern denkbar wäre, daß sie Meier bzw. Pächter von Hinrik Botel waren. Immerhin geht es im Testament auch um Sandgroves Hof in Groß Denkte (unklare Lehnsverhältnisse), nicht um jenen in Klein Vahlberg, dessen Lehnsherr ja Henning Calm d. Ä. war.

Falls es sich aber so verhalten sollte, daß Hinrik Botel in keinem Pachtverhältnis zu Sandgrove und Arkerode stand, sondern diesen lediglich Geld geliehen hatte: würde das darauf hindeuten, daß Botel den Geldverleih gewerbsmäßig betrieb, oder war es in der frühen Neuzeit auch üblich, daß Stadtbürger mal so nebenbei, also neben ihrem eigentlichen Beruf, anderen Menschen Geld liehen?

Was ist Eure Meinung zu dieser Thematik?

Vielen Dank und viele Grüße
consanguineus




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Johann Heimrich Jonas ANDRAE, Pastor, * 1796 in Kutzleben

Andreas HEINRICH: Bürger und Zimmermeister in Querfurt, * um 1770

Geändert von consanguineus (28.04.2019 um 15:13 Uhr)
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  #2  
Alt 29.04.2019, 09:55
Alter Mansfelder Alter Mansfelder ist offline
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Guten Morgen consanguineus,
Zitat:
Zitat von consanguineus Beitrag anzeigen
"Jtem Alheyde myner eliken Husfruwen, geue ek 5 ½ mark pe(n)ninge, an sandgroyüen Hofe to groten dengkte Jtem dre mark geue ek ore an der Arkerodes haluen hoyue landes to Sigkte"
Zitat:
Zitat von consanguineus Beitrag anzeigen
...
Was genau hat Hinrik Botel nun mit Sandgrove bzw. dessen Hof und Arkerode bzw. dessen halber Hufe Land zu tun?
m. E. sind das Lasten, die auf den jeweiligen Höfen ruhten. Welchen Rechtsgrund sie hatten und was sie konkret bedeuteten, geht aus dem Auszug freilich nicht hervor. Es könnten Beträge sein, von denen Geld- oder Naturalleistungen zu erbringen waren und die auch abgelöst werden konnten.

Zitat:
Zitat von consanguineus Beitrag anzeigen
Hat Hinrik Botel diesen beiden Bauern Geld geliehen und vererbt die entsprechenden Forderungen an seine Ehefrau Alheyde? Oder ist Hinrik Botel der Lehnsherr und Sandgrove in Groß Denkte und Arkerode in Sickte seine Aftervasallen bzw. seine Meier (Pächter)?

Eher das erste; er könnte die Forderungen aber auch selbst als Lehen bekommen haben. Ein Bürgerlicher als Lehnsherr ist mir noch nicht begegnet; wäre er in dieser Eigenschaft nachweisbar, würde ich mich eher fragen, ob er überhaupt bürgerlich war.

Zitat:
Zitat von consanguineus Beitrag anzeigen
Dieser Umstand spricht auf den ersten Blick eigentlich dafür, daß Henning Sandgrove kein Bauer war, denn die Asseburger, wie auch andere Familien des niederen Adels, belehnten normalerweise keine Bauern unmittelbar, sondern nur Stadtbürger, die dann diese Höfe oder Ländereien wiederum an Bauern gegen Geld zur Nutzung überließen.

Das kenne ich anders. Wenn Du Dir mal die online verfügbaren Lehnsbücher im LASA anschaust, findest Du zahllose Bauern, die unmittelbar von Bischöfen, Kapiteln, Propsteien und (Hoch- und Nieder-) Adeligen belehnt wurden - jedenfalls im nö. Harzvorland.

Zitat:
Zitat von consanguineus Beitrag anzeigen
war es in der frühen Neuzeit auch üblich, daß Stadtbürger mal so nebenbei, also neben ihrem eigentlichen Beruf, anderen Menschen Geld liehen?

Ja, das war doch eine prima Kapitalanlage. Das taten im Übrigen nicht nur Bürger, sondern auch Bauern und Handwerker untereinander - die Gerichts- und Handelsbücher sind voll von solchen Vorgängen.

Es grüßt der Alte Mansfelder
__________________
Gesucht:
- Albrecht, Gottfried, Ziegeldecker aus Aschersleben, oo wo? v. 1791
- Beilcke, Joh. Caspar, Schafmeister Südharz, oo wo? um/v. 1767
- Blendor, Blandor(t), Joh. Christian, zul. Unteroffizier, *?/oo v. 1762/+ v. 1793 wo?
- Daume, Daniel *wo? (1716), zul. Erbmüller in Stangerode
- Kaur, Johann, 1815 Soldat Magdeburger Garnison, Schneider, */oo/+ wo?
- Knispel, Michael, oo wo? um/v. 1812 (Prov. Posen) Anna Rosina Linke
- Stahmer, Jacob *wo? (1767), Soldat, zul. in Aschersleben
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  #3  
Alt 02.05.2019, 14:56
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consanguineus consanguineus ist offline männlich
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Hallo Alter Mansfelder!

Zitat:
Zitat von Alter Mansfelder Beitrag anzeigen
m. E. sind das Lasten, die auf den jeweiligen Höfen ruhten. Welchen Rechtsgrund sie hatten und was sie konkret bedeuteten, geht aus dem Auszug freilich nicht hervor. Es könnten Beträge sein, von denen Geld- oder Naturalleistungen zu erbringen waren und die auch abgelöst werden konnten.
Stimmt, an die verschiedenen Lasten hatte ich gar nicht gedacht.

Zitat:
Zitat von Alter Mansfelder Beitrag anzeigen
Eher das erste; er könnte die Forderungen aber auch selbst als Lehen bekommen haben. Ein Bürgerlicher als Lehnsherr ist mir noch nicht begegnet; wäre er in dieser Eigenschaft nachweisbar, würde ich mich eher fragen, ob er überhaupt bürgerlich war.


Die Botels waren ohne Zweifel bürgerlich. Auch hier muß ich Dir teilweise Recht geben: bürgerliche Lehnsherren sind nicht häufig anzutreffen. Aber es gab sie! Ich habe meine Diplomarbeit über ein agrarhistorisches Thema geschrieben und hatte diesen Fall, sogar bei einem meiner Vorfahren (Lehnsnehmer von bürgerlichen Lehnsherren noch im 18. Jahrhundert). Im vorliegenden Zusammenhang habe ich mich unklar ausgedrückt und meinte stattdessen eigentlich Grundherren.

Zitat:
Zitat von Alter Mansfelder Beitrag anzeigen
Das kenne ich anders. Wenn Du Dir mal die online verfügbaren Lehnsbücher im LASA anschaust, findest Du zahllose Bauern, die unmittelbar von Bischöfen, Kapiteln, Propsteien und (Hoch- und Nieder-) Adeligen belehnt wurden - jedenfalls im nö. Harzvorland.


Das wiederum kenne ich nicht. Vergabe von Land durch Adelige direkt an Bauern kenne ich nur in Form von Erbenzinsland, nicht als Lehen.

Zitat:
Zitat von Alter Mansfelder Beitrag anzeigen
Ja, das war doch eine prima Kapitalanlage. Das taten im Übrigen nicht nur Bürger, sondern auch Bauern und Handwerker untereinander - die Gerichts- und Handelsbücher sind voll von solchen Vorgängen.


Durften sie das denn? An sich fielen Christenmenschen ja unter das Verbot, Zinsen zu nehmen, was ja auch der Grund etwa für den "wiederkäuflichen Verkauf" von Land etc. oder die Leibgedingeverträge war, mit denen man das Zinsverbot elegant umgehen konnte. Geldverleih ohne Zinsen ist ja eigentlich unökonomisch.

Viele Grüße
consanguineus
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Andreas HEINRICH: Bürger und Zimmermeister in Querfurt, * um 1770
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  #4  
Alt 02.05.2019, 23:21
Alter Mansfelder Alter Mansfelder ist offline
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Hallo consanguineus,
Zitat:
Zitat von consanguineus Beitrag anzeigen
Durften sie das denn? An sich fielen Christenmenschen ja unter das Verbot, Zinsen zu nehmen, was ja auch der Grund etwa für den "wiederkäuflichen Verkauf" von Land etc. oder die Leibgedingeverträge war, mit denen man das Zinsverbot elegant umgehen konnte. Geldverleih ohne Zinsen ist ja eigentlich unökonomisch.
das Zinsverbot wurde später aufgeweicht: https://de.wikipedia.org/wiki/Zinsve...im_Christentum

Darüber hinaus kann es sein, das bestimmte Formen der Rentenzahlung gar nicht als Zins gegolten haben. Da kenne ich mich aber nicht vertieft aus. Diese Forderungen aus Grundstückslasten waren jedenfalls gang und gäbe.

Es grüßt der Alte Mansfelder
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