#1  
Alt 19.08.2014, 11:14
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hotdiscomix hotdiscomix ist offline
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Standard Pfarrer vergibt Nachnamen

Ich beschäftige mich derzeit (mal wieder) mit den Freyburger Kirchenbüchern um die Zeit des 30-jährigen Krieges. Im Winter 1634/35 bezog das kursächsische Lösersche Regiment, in Freyburg und Umgebung, ihr Winterquartier. In diesen Monaten waren etwa die Hälfte der Taufen "Soldatenkinder". Es waren Kinder von Soldaten, Feldwebeln bis zum Hauptmann dabei.
Von Sommer 1635 bis Anfang 1636 gab es vermehrt die Taufe von "Hurenkindern". Die Mütter gaben an, das der Vater ein Soldat war. Öfters war nur der Vorname des Vaters bekannt. In diesen Fällen vergab der Pfarrer einige Male einen Nachnamen für das Kind, welcher sich von der Funktion des Soldaten ableitete.
Eine Mutter gab an, das sie von einem Reiter überfallen wurde - das Kind wurde dann Johannes Reuter (damalige Schreibweise für Reiter) getauft. Bei einer anderen war der Vater ein Landsknecht, also ein Soldat mit Pike (Spieß) - das Kind wurde als Abraham Spießman getauft. In einem dritten Fall war der Vater Trommler in Lösers Regiment und das Kind bekam den Namen Sibylla Trommler.

Bisher kannte ich dieses Vorgehen nur aus einem Fall in meinem Stammbaum. Der Bruder eines direkten Vorfahren war 1683/84 als Lakai zweier adliger Offiziere im Krieg gegen die Türken tätig. Bei der Stürmung der Burg Gran (Grenzgebiet Ungarn/Slowakei) wurden die Türkenführer und ihre Familien getötet. In einem Raum fand der Lakai in einem Versteck Schmuck und ein ca. 3-jähriges Mädchen. Die Offiziere teilten den Schmuck unter sich auf und der Lakai durfte das Kind "behalten". Da zu dieser Zeit auch mehrere Frauen mit ihren Männern im Feldlager lebten, kümmerten sie sich um die Versorgung des Kindes.
Nach Ende des Türkenkrieges ging der Lakai mit einer Unteroffizierswitwe und dem Kind zurück in seine Heimat. Mit 11 Jahren wurden das Mädchen auf den Namen "Johanna Christiana Waise" christlich getauft. Der Pfarrer vergab den Nachnamen Waise, da das Kind Vollwaise war.

Ist euch so eine Vorgehensweise der Pfarrer auch schon untergekommen, oder war es eine Spezialiät der Freyburger Pfarrerfamilie Dauderstädt?

Steffen
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  #2  
Alt 19.08.2014, 12:00
Alter Mansfelder Alter Mansfelder ist offline
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Hallo Steffen,

also ich kenne es so, dass außereheliche Kinder
- grundsätzlich den Namen der Mutter erhalten
- oder aber den des Vaters, etwa bei Anerkennung, nachträglicher Eheschließung der Eltern.

Von einer Benennung durch den Pfarrer habe ich schon bei Findelkindern gehört. Das Kind erhielt den Namen des Fundortes.

Sodann gibt es Spitznamen bzw. Bezeichnungen, die zu Nachnamen geworden sind. Dabei übernimmt der Pfarrer praktisch nur, was die Außenwelt bereits als Name/Bezeichnung akzeptiert hat.

In den von Dir benannten Fällen würde ich zunächst einmal ein nicht geringes Maß von Zynismus des Pfarrers vermuten wollen und fragen: Hat sich der so "vergebene" Name später überhaupt durchgesetzt und ist im täglichen Leben verwendet worden?

Es grüßt der Alte Mansfelder
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  #3  
Alt 19.08.2014, 12:43
gki gki ist offline
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Hallo,

in meinem Forschungsgebiet (Niederbayern/Oberösterreich) ließe sich eine derartige Namensvergabe nicht feststellen, da für die Kinder bei Taufeinträgen bis nach 1850 oft keine Familiennamen vergeben wurden. Angegeben wurden meist lediglich die FN der Eltern.

Also:
Täufling: Georg
Vater: Martin Huber
Mutter: Maria dessen Frau (oder Maria, Tochter des Johann Mayr, bei unehelichen)

Einen Namen des Kindes könnte man so lediglich bei dessen eigener Hochzeit feststellen. Um 1650 war aber die Kindersterblichkeit hoch und die Wahrscheinlichkeit gering daß uneheliche Kinder heiraten konnten, sodaß derartige Namensvergaben, so sie existierten, wenig nachprüfbar sind.
__________________
Gruß
gki
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  #4  
Alt 21.08.2014, 22:04
Benutzerbild von hotdiscomix
hotdiscomix hotdiscomix ist offline
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Zitat:
Zitat von Alter Mansfelder Beitrag anzeigen
In den von Dir benannten Fällen würde ich zunächst einmal ein nicht geringes Maß von Zynismus des Pfarrers vermuten wollen und fragen: Hat sich der so "vergebene" Name später überhaupt durchgesetzt und ist im täglichen Leben verwendet worden?
Die 3 Kinder, welche 1635/36 geboren sind, habe ich nie wieder gefunden. Aber 1636/37 gab es eine pestartige Seuche - in dieser Zeit sind 4-5x mehr Personen gestorben als üblich. Das Sterberegister von Freyburg begann erst während dieser Zeit.

Johanna Christiana Waise trug aber ihren Namen bis zu ihrer Hochzeit.

Steffen
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  #5  
Alt 21.08.2014, 23:28
holsteinforscher holsteinforscher ist offline
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Hallo aus Kiel,
ich glaube, hier hat man wohl ganz besondere Einträge.
Mittlerweile forsche ich gute 35 Jahre, aber solch eine
willkürliche Namensvergabe ist mir bislang noch nie be-
gegnet, meist wurde nur darauf hingewiesen..ein Soldatenkind,
mit viel Glück dann noch die Angabe..eines schwedischen,
badischen usw. Soldaten.
Wie der "Alte Mansfleder" schreibt:
In den von Dir benannten Fällen würde ich zunächst einmal
ein nicht geringes Maß von Zynismus des Pfarrers....
Mit den besten Grüssen von der Kieler-Förde
Roland
__________________
Die besten Grüsse von der Kieler-Förde
Roland...


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  #6  
Alt 22.08.2014, 14:15
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Hallo Steffen,

in meinem Forschungsgebiet Niedersachsen und OWL sind mir solche Einträge nur bei Findelkindern untergekommen. Die unehelichen Soldatenkinder bekamen immer den FN der Mutter.

Grüße aus OWL
Anja
__________________
Vom Standpunkt der Jugend aus gesehen
ist das Leben eine unendlich lange Zukunft.
Vom Standpunkt des Alters aus
eine sehr kurze Vergangenheit.
Arthur Schopenhauer, 1788 - 1860, dt. Philosoph
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  #7  
Alt 22.08.2014, 22:37
Dominik Dominik ist offline
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hm...ist mir noch nie untergekommen..aber sehr interessant!

Geändert von Dominik (23.08.2014 um 00:37 Uhr)
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  #8  
Alt 19.06.2019, 07:35
Kris63 Kris63 ist offline
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Und ich (Schwerpunkt OWL und Niedersachsen) kenne es so, dass bei bekanntem Vater die unehelichen Kinder dessen FN bekamen.
Beim Scrollen ist mir irgendwo auch ein Findelkind mit dem FN "Fund" vorgekommen.

Getaufte Juden bekamen dann oft ganz neue VN und FN, z. B. "Christian" als FN.
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  #9  
Alt 19.06.2019, 17:46
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Garfield Garfield ist offline weiblich
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Hallo

Ich hatte solche Fälle bisher weder in der Schweiz noch in Italien angetroffen. Die Kinder mit unbekannten Vätern bekamen den Familiennamen der Mutter.

Wie schon geschrieben wurde: anders war es bei Findelkindern. In Italien wurden weniger die Fundorte, sondern eher Namen mit Hinweis auf den Fundtermin genommen oder existierende Familiennamen, die in dieser Gegend seltener waren. Aber in meiner Gegend in Italien gab es sowieso bemerkenswert wenige Findelkinder und uneheliche Kinder, dafür ganz viele Hochzeiten im Alter von 17 Jahren .
__________________
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