#41  
Alt 17.07.2019, 17:42
Claire Claire ist offline
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Zitat von Erbendorfer Beitrag anzeigen
Ob der Transport direkt nach Hartheim ging oder über die Zwischenanstalt Niedernhart in Linz (bis vor kurzem Landesnervenklinik Wagner-Jauregg – heute Neuromed Campus) geführt wurde, können wir nicht mit Bestimmtheit sagen. Niedernhart und Hartheim standen unter der Leitung von Dr. Rudolf Lonauer. Dieser hatte eine eigene Abteilung in Niedernhart an der er PatientInnen, die zum Ermorden vorgesehen waren an der offiziellen Aufnahme vorbei, kurzzeitig aufnehmen konnte. Aus den Aussagen der TäterInnen wissen wir, dass die Aufenthalte in Linz im Schnitt nur etwa drei bis fünf Tage dauerten.

Die weiteren Einzelheiten die er schildert sind ziemlich erschütternd.
Hallo Fritz,

die Informationen sind sicher zutreffend, denn wenn Eisenbahnwaggons voll mit Patienten in Linz ankamen, mussten diese ja erstmal irgendwo untergebracht werden, bevor sie dann Bus für Bus nach Hartheim gefahren wurden.

Aus den Sterbeurkunden, die im Schloss Hartheim ausgestellt wurden, geht wohl in den wenigsten Fällen das tatsächliche Todesdatum hervor, weil man immer bemüht war, verschleiernde Informationen zu geben.

Wenn du Zeit hast und dir die Mühe machen möchtest, dann besorge dir das o.g. Buch, ich kann es nur wärmstens empfehlen. Ich bin im Kapitel "Kutzenberg" nämlich auf eine Fußnote gestoßen, die mir den Hinweis auf die Strafprozessakte gegen den damaligen Klinikleiter gab. Und in dieser umfangreichen und dicken Akte fand ich eine ganze Menge an weiteren Informationen, Aussagen und Verhörprotokollen (von Ärzten, Schwestern, Pflegern, Familienangehörigen, Polizei etc.), die mir sehr bei der Aufdeckung dieser extrem düsteren Geschichte geholfen hat. Es war so, als hätte sich eine lange verschlossene Türe geöffnet und ich hatte Einblick in Schicksale, wie ich es mir nicht hätte vorstellen können.

Der Klinikleiter von Erlangen, Dr. Wilhelm Einsle, stand ja auch vor Gericht und egal wie unglaublich der Prozess ausging, müssen in den Akten Unterlagen zu finden sein. Im Fall Kutzenberg wurden alle(!!) betroffenen Familien angeschrieben und deren Aussagen hinterlegt. Es waren Hunderte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war das bei Dr. Einsle auch so. Zuständig war bei ihm das Schwurgericht beim Landgericht Nürnberg-Fürth. Wenn du herausbekommst, wo die Akten liegen, kannst du um Einsichtnahme bitten. Ich hatte damit kein Problem, durfte abschreiben oder kopieren lassen, was ich wollte, darf aber keine konkreten Informationen weitergeben oder veröffentlichen, ohne vorher Rücksprache genommen zu haben.

Ich wünsche dir viel Erfolg!

Wenn du weitere Fragen hast, kannst du dich gerne an mich wenden.

Schöne Grüße
Claire
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  #42  
Alt 17.07.2019, 17:54
Claire Claire ist offline
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Zitat von salbeitee

Ich hab ihn gefunden, was mich einerseits erfreut, aber auch sehr traurig macht :-(

Vielleicht hört sich meine Frage jetzt blöd an, daher bitte ich um Nachsicht: Wurden denn dort auch Sterbeurkunden ausgestellt, die ich anfordern könnte/müsste?
Hallo salbeitee,

verstehe ich deine Frage richtig, dass du meinst, ob in Hartheim Sterbeurkunden ausgestellt wurden, die du anfordern könntest?

Also, es ist kompliziert, denn im Schloss Hartheim, das in dem Ort Alkoven bei Linz liegt, wurden tatsächlich Sterbeurkunden ausgestellt. Sie trugen den Stempel des Standesamtes Hartheim, was aber kein "echtes" Standesamt war, sondern aus mehreren Büroräumen bestand, die im Obergeschoss des Schlosses untergebracht waren. Dort arbeiteten etliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tagtäglich an den fingierten Todesursachen, an immer gleichlautenden Briefen an die Familienangehörigen und fertigten wie am Fließband Sterbeurkunden an. Es war alles eine großangelegte und der Verschleierung dienende Aktion, wo es buchstäblich nicht "mit rechten Dingen zuging".

Der Ort Alkoven selbst hatte ein eigenes Standesamt für die dort lebenden Menschen, wo Geburten, Heiraten und Sterbefälle dokumentiert worden - wie es eben üblich ist. Jedoch wurden in diesem "echten" Standesamt in keinem Fall Sterbeurkunden über die im Schloss verstorbenen/getöteten Menschen ausgestellt.

Zurück zu deiner Frage: Nein, du wirst von dem nur dem Namen nach existierenden und dann abgebauten Standesamt im Schloss Hartheim keine Sterbeurkunde anfordern können. Vielleicht existiert in irgendeiner Akte noch eine Abschrift oder ein Familienangehöriger hat die Dokumente von damals aufbewahrt.

Sollte ich deine Frage vollkommen falsch verstanden haben, dann streiche meinen Kommentar einfach!

Schöne Grüße, viel Erfolg und gute Nerven bei deiner Suche!
Claire

Geändert von Claire (17.07.2019 um 17:56 Uhr)
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  #43  
Alt 18.07.2019, 05:21
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Erbendorfer Erbendorfer ist offline männlich
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Guten Morgen Claire,

wie ich gesehen habe gibt es das Buch" Psychiatrie im Nationalsozialismus" als E-Book und Druckversion bei Amazon.
Ich will es aber erst einmal bei dem was ich weis bewenden lassen und versuche nur noch den Geburts- und Wohnort von der Schwester meines Großvaters herauszufinden.
Eine Antwort vom Staatsarchiv Nürnberg bzw. Bundesarchiv Berlin habe ich noch nicht. Sobald ich weitere Unterlagen zum Tod von Kunigunde Schellerer erhalte melde ich mich wieder.

Vielen Dank für Deine Unterstützung.
__________________
Mit freundlichen Grüßen aus der Oberpfalz

Fritz
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  #44  
Alt 18.07.2019, 16:44
salbeitee salbeitee ist offline
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Zitat:
Zitat von Claire Beitrag anzeigen
Hallo salbeitee,

verstehe ich deine Frage richtig, dass du meinst, ob in Hartheim Sterbeurkunden ausgestellt wurden, die du anfordern könntest?

Also, es ist kompliziert, denn im Schloss Hartheim, das in dem Ort Alkoven bei Linz liegt, wurden tatsächlich Sterbeurkunden ausgestellt. Sie trugen den Stempel des Standesamtes Hartheim, was aber kein "echtes" Standesamt war, sondern aus mehreren Büroräumen bestand, die im Obergeschoss des Schlosses untergebracht waren. Dort arbeiteten etliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tagtäglich an den fingierten Todesursachen, an immer gleichlautenden Briefen an die Familienangehörigen und fertigten wie am Fließband Sterbeurkunden an. Es war alles eine großangelegte und der Verschleierung dienende Aktion, wo es buchstäblich nicht "mit rechten Dingen zuging".

Der Ort Alkoven selbst hatte ein eigenes Standesamt für die dort lebenden Menschen, wo Geburten, Heiraten und Sterbefälle dokumentiert worden - wie es eben üblich ist. Jedoch wurden in diesem "echten" Standesamt in keinem Fall Sterbeurkunden über die im Schloss verstorbenen/getöteten Menschen ausgestellt.

Zurück zu deiner Frage: Nein, du wirst von dem nur dem Namen nach existierenden und dann abgebauten Standesamt im Schloss Hartheim keine Sterbeurkunde anfordern können. Vielleicht existiert in irgendeiner Akte noch eine Abschrift oder ein Familienangehöriger hat die Dokumente von damals aufbewahrt.

Sollte ich deine Frage vollkommen falsch verstanden haben, dann streiche meinen Kommentar einfach!

Schöne Grüße, viel Erfolg und gute Nerven bei deiner Suche!
Claire

Hallo Claire,
du hast meine Frage nicht falsch verstanden Vielen Dank für deine aufklärenden Worte.

Ich habe mich inzwischen etwas schlauer machen können. Ein Mitarbeiter der Gedenkstätte Hartheim informierte mich, dass zwar Sterbeurkunden ausgestellt wurden, diese aber mit dem sogenannten "Trostbrief" an die hinterbliebenen Angehörigen verschickt wurden. In Hartheim selbst gibt es keine Sterbeurkunden. Das hattest du ja schon geschrieben.

Im Falle meines Urgroßonkels ist es jedoch so, dass er nicht in Hartheim getötet wurde, sondern in der Tötungsanstalt Brandenburg/Havel. Er war zuvor in einer "Heilanstalt" in Wittstock/Dosse und ist kurz vor seiner Ermordung nach Brandenburg/Havel verbracht und dort getötet worden. Das Fälschen des Sterbeortes war Standard, um Angehörige und Öffentlichkeit zu täuschen.

Ein grausames Schicksal, und es berührt mich.

Ich bekam die Archivsignatur, unter der die Patientenakte beim Bundesarchiv in Berlin registriert ist. Die Akte habe ich heute angefordert.

Ich überlege einen eigenen Thread allgemein zur T4-Aktion / Euthanasie zu erstellen. Es gab ja eine ganze Reihe solcher Tötungsanstalten und unzählige Opfer. Vielleicht ist ein eigener Thread für alle von Nutzen, die in diese Richtung forschen? Vielleicht gibt es diesen Thread aber auch schon und ich habe ihn nur noch nicht gefunden.

Herzlichen Dank nochmals und Beste Grüße,
salbeitee
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  #45  
Alt 19.07.2019, 06:32
Claire Claire ist offline
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Zitat:
Ich überlege einen eigenen Thread allgemein zur T4-Aktion / Euthanasie zu erstellen. Es gab ja eine ganze Reihe solcher Tötungsanstalten und unzählige Opfer. Vielleicht ist ein eigener Thread für alle von Nutzen, die in diese Richtung forschen? Vielleicht gibt es diesen Thread aber auch schon und ich habe ihn nur noch nicht gefunden.
Guten Morgen!

Das halte ich für eine sehr gute Idee! Meines Wissens gibt es einen solchen Sammelthread nicht, jedenfalls habe ich schon mehrfach danach gesucht, aber nichts gefunden. Mich wird das Thema noch lange beschäftigen, weil jede neue Information gleichzeitig neue Fragen aufwirft und ich für jegliche Hilfestellung dankbar bin.

Also, nur zu, ich werde gerne alles beitragen, was ich bisher weiß. Vielleicht hilft es jemandem.

Beste Grüße von Claire
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  #46  
Alt 19.07.2019, 09:20
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Erbendorfer Erbendorfer ist offline männlich
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Hallo zusammen und einen guten Morgen,

die Idee einen eigenen Thread allgemein zur T4-Aktion / Euthanasie zu erstellen finde ich sehr gut ich kann mir vorstellen das so mancher nicht weis wie im 3.Reich seine Verwandten um ihr Leben kamen.

Zu meinen Nachforschungen:
Vom Bundesarchiv Berlin erhielt ich die Mitteilung "Zu Ihrer Großtante Kunigunde Schellerer konnten im Bundesarchiv
keinerlei Unterlagen ermittelt werden."


Vom Staatsarchiv Nürnberg "im Staatsarchiv Nürnberg, resp. seiner Außenstelle in Lichtenau, werden zahlreiche Patientenakten der Heil- und Pflegeanstalt Erlangen verwahrt. Eine Akte über Kunigunde Schellerer liegt nicht vor. Akten über Personen, die im Zuge der sog. Euthanasie in Tötungsanstalten verlegt und dort ermordet wurden, sind hier nicht vorhanden, da es üblich war, die Patientenakte dem Transport, z.B. nach Hartheim, mitzugeben.

Da auch in Hartheim keine Unterlagen vorliegen sind die erhaltenen Informationen vom Stadtarchiv Erlangen das einzige was über meine Großtante noch bekannt ist.
__________________
Mit freundlichen Grüßen aus der Oberpfalz

Fritz
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  #47  
Alt 19.07.2019, 23:04
bleu-de-pastel bleu-de-pastel ist offline weiblich
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Standard Film: Planet Wissen - Euthanasie im Dritten Reich

Hallo liebe Foris,

Zwar betrifft dieser Film nicht die Euthanasieeinrichtung Wiesengrund.

Es wird jedoch über die grundlegenden administrativen Strategien zur Abwicklung und Geheimhaltung der T4 Aktionen ausführlich berichtet, dies beinhaltet auch die serienmäßige Herstelllung der gefakten Sterbeurkunden

Ein informativer, aber absolut beklemmender Film.
https://www.youtube.com/watch?v=oF2gi6dz23I

Grüsse von bleu-de-pastel

Geändert von bleu-de-pastel (19.07.2019 um 23:05 Uhr)
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  #48  
Alt 22.07.2019, 15:11
Claire Claire ist offline
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Vielen Dank für den Hinweis auf den Film, bleu-de-pastel! Er ist so schrecklich traurig und dennoch so wichtig.

Eine Dokumentation über Hartheim habe ich vor einiger Zeit im Netz gefunden, sie zeigt ebenfalls, wie mit dort behinderten "Ballastexistenzen" umgegangen wurde:

https://www.youtube.com/watch?v=tFUQZNi372I

Grüße von Claire
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  #49  
Alt 23.07.2019, 11:47
sophonibal sophonibal ist offline
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Hallo zusammen, ich möchte auf ein Buch hinweisen:
Die Verantwortung ist schwer ...
Euthanasiemorde an Pfleglingen der Zieglerschen Anstalten
von Inga Bing-von Häfen
Erstausgabe im Eigenverlag von Die Zieglerschen, danach bei Thorbecke erschienen.
Darin ist das Schicksal von Patienten der Taubstummenanstalt der Zieglerschen Anstalten in Wilhelmsdorf bei Ravensburg ausführlich beschrieben und es sind auch viele allgemeine Informationen darin zu finden, zum Beispiel zur Haltung der Evangelischen Kirche oder wie es nach dem offiziellen Euthanasie-Stopp in den Anstalten weiterging.
Namen:
Gotthilf Bauer (Dettingen)
Hans Czapanski (Berlin)
Gotthilf Fischer (Pfrondorf)
Hermann Friedrich (Stammheim)
Siegfried Klotz (Wringen)
Karl Maier (Schamberg)
Hermann Müller (Knittrigen)
Helmut Ott (Heilbronn)
Eugen Wacker (Tübingen)
Michael Wassermann (Frickenhausen)
Maria Bayer (Seissen)
Else Geisslinger (Stuttgart)
Elisabeth Halbgewachs (Buoch)
Erika und Hannelore Horland (Stuttgart)
Ella Knöller (Höfen)
Rosine Schaile (Weiler b. Mittelfischbach)
Hedwig Weber (Oberkollbach)

Geändert von sophonibal (23.07.2019 um 11:49 Uhr)
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