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Alt 17.05.2020, 13:01
Gerd_AN Gerd_AN ist offline männlich
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Standard Zufallsfunde in der Königsberger Hartungschen Zeitung

Die Familien Plehwe und Eckert

Im Verein für die Geschichte von Ost- und Westpreußen hielt am 14. d. Mts. Kanzler Dr. v. Plehwe einen Vortrag über die Erinnerungen zweier alten ostpreußischen Familien ans dem Siebenjährigen Kriege.
Die beiden Familien Plehwe und Eckert gehören zu den ältesten Ostpreußens. Die erstere führt ihren Ursprung zurück auf einen Ritter v. d. Spreu, der zur Ordenszeit nach Preußen gekommen sein soll, dann aber nach Polen auswanderte und dort den Namen Plewa (polnisch=Spreu) angenommen ah. Ei Nachkomme von ihm, namens Plehwe, soll in den Dienst des Herzogs Albrecht getreten und der Stammvater des jetzt in Preußen und Rußland in einem bürgerlichen und einem adligen Zweige blühenden Geschlechts Plehwe geworden sein. Der Ahnherr des adligen Zweiges war ein Plehwe, Besitzer mehrerer Güter, der nach einer im hiesigen Staatsarchiv befindlichen Urkunde i. J. 1708 Elisabeth Löbel heiratete, die letzte überlebende Erbin eines größeren Güterkomplexes, mit dem nach einer ebenfalls erhaltenen Urkunde ein Burchardt Löbel in Ragnit 1566 von Herzog Albrecht zu Lehnsrechten mit männlicher und weiblicher Sukzession belehnt worden war; zu dieser Herrschaft gehörte u.a. auch das Rittergut Dwarischken im Kreis Pillkallen. Aus dieser Ehe entstammte ein Sohn Joachim Plehwe, der am 24. August 1729 an der Universität Königsberg immatrikuliert wurde, später in Pillkallen ein Hausgrundstück erwarb und dort von 1735 bis 58 als Ratsmann und Bürgermeister gelebt hat. Aus der Erbschaft seiner Muter, die sich nach dem frühen Tode ihres Gatten wieder verheiratete, hatte er 1743 das adlige Rittergut Dwarischken als Erb- und Gerichtsherr erhalten. Im schlesischen Kriege hatte er als Dragoner Joachim v. Plehwe an der Schlacht bei Hohenfriedberg 1745 teilgenommen, war bei dem großen Reiterangriff unter den Augen des Königs verwundet und von diesem ausgezeichnet worden. Er war der Urgroßvater des Vortragenden. Im Siebenjährigen Kriege, als der Feldmarschall Lehwaldt zum Schutze Ostpreußens gegen die Russen einen Landsturm und eine Landmiliz in sechs Kompagnien errichtete, ernannte er den Leutnant Joachim von Plehwe als inaktiven Offizier und angesessenen Grundbesitzer zum Kommandeur einer dieser sechs Kompagnien. Er erhielt den Auftrag, beim Einfall der Russen 1757 den Wald zwischen Pillkallen und Ragnit mit seiner Kompagnie in einzelnen Abteilungen zu besetzen, die Landstraßen und alle Zugänge zu beobachten, den Feind, besonders seine Kosaken, nicht durchkommen zu lassen und ihm allen nur möglichen Schaden zuzufügen.


Die Instruktion hierüber ist uns im Wortlaut erhalten; über sie und die ganze Einrichtung der Landmiliz, die ein Vorläufer der Landwehr von 1813 ist, machte der Vortragende eingehende Mitteilungen. Leutnant v. Plehwe hat sich auf seinem Posten vorzüglich bewährt; er hat auf der ganzen Linie von Pillkallen bis Ruß und Memel den Russen so großen Abbruch getan, daß diese sogar 4000 Rubel auf seine Gefangennahme aussetzten, und ist auch später, während der russischen Okkupation, stets mit den Behörden in Preußen und besonders mit dem getreuen Oberpräsidenten v. Domhardt in Verbindung geblieben. Als die Russen 1762 das Land verließen, kehrte er zunächst in seinen bürgerlichen Beruf nach Pillkallen zurück, verließ die Stadt aber bald und übernahm dann ganz die Verwaltung seines Gutes Dwarischken. Dort hatte sich allerdings schon das Gerücht verbreitet, er sei im Kampfe mit den Russen umgekommen, und die Dwarischker Bauern hatten einen großen Teil des scheinbar herrenlosen Landes für zwei Tonnen Bier und einen Ohm Branntwein an die Nachbarstadt Schirwindt verkauft. Da der zurückgekehrte Gutsherr diesen seltsamen Handel nicht anerkannte, die Schirwindter aber mit ihrem Bürgermeister an der Spitze durch Waffengewalt sich in den Besitz des Landes setzen wollten, kam es zu der auch in der Chronik von Schirwindt genau beschriebenen Schirwindter Fehde, in der der alte Kriegsmann Joachim v.Plewe mit seinem zweiten Sohne Otto Siegfried und mit seinen Leuten und Nachbarn das Feld und Gut behaupteten. Diesem zweiten Sohne übereignete er 1783 das adlige Gut Dwarischken und erhielt auch vom Könige als Lehnsherren die Genehmigung dazu mit öffentlich-rechtlicher Wirkung dieser Eigentumsübertragung; er starb 1788.


Sein treuer Freund und Kriegskamerad war der Wildnisbereiter und Oberförster Wilhelm Eckert in Klooschen bei Prökuls (1724 bis 1777), Sohn eines von drei Brüdern Eckert, die am Anfange des 18. Jahrhunderts aus der französischen Schweiz in Ostpreußen einwanderten. Auch aus dieser Familie Eckert sind zahlreiche Nachkommen als Landwirte, Gewerbetreibende, besonders aber als Forstbeamte in der Provinz verbreitet, wie denn das Verzeichnis der reitenden Feldjägerkorps (von 1740 bis 1890) 19 Eckerts aufweist. Der erste von ihnen ist ein Stiefbruder des eben genannten Freundes von Joachim v. Plehwe, der Oberförster Leopold Heinrich Eckert, der auch im Siebenjährigen Kriege hier eine nicht unbedeutende Rolle in der Landesverteidigung und den Kämpfen gegen die Kosaken gespielt hat. Er machte schon die Schlacht bei Mollwitz mit, in der er wie durch ein Wunder dem Tode durch einen Bajonettstich entging. Im Siebenjährigen Kriege hat er mit seinen Unterförstern, Söhnen und Bauern eine Landsturmabteilung errichtet, mit der er den Russen vielen Abbruch tat, unabhängig von der durch Lehwaldt organisierten Landmiliz. Er starb 1803 (oder 1808 nicht genau lesbar); zu seinen Nachkommen gehört der 1830 geborene Senior der Beamten unserer ostpreußischen Landschaft, der Landschaftsdirektor a. D. Adolf Eckert, früher Besitzer von Czerwonken bei Lyck. Jener Mitstreiter von Plehwes, Wilhelm Eckert, hatte in ähnlicher Weise eine berittene Landmiliz geführt, die sogenannten Landhusaren, mit denen der kühne und mit seinen Wäldern verwachsene Forstmann sogar zahlreiche glückliche Angriffe auf die russischen Irregulären machte, so daß er sich selbst bei den gefürchteten Kosaken in gewaltigem Respekt zu setzen wußte. Einer seiner Söhne, Oberförster in Ußupönen, hatte eine i.J. 1802 geborene Tochter Amalie Concordia. Diese heiratete 1830 den Sohn jenes Otto Siegfried v. Plehwe, den Rittergutsbesitzer Karl Siegfried v. Plehwe in Dawrischken, Vater des Vortragenden, so daß durch die Nachkommen jener gemeinsamen Kämpfer aus dem Siebenjährigen Kriege die beiden Familien aufs engste vereinigt wurden. – Zum Schluß berichtete der Redner noch über den Fund des größten Stückes Bernstein, das jemals gefunden ist und das auf den Herrn Oberförster Eckert in Ußupönen gehörigen Gute Schlappachen zwischen Gumbinnen und Insterburg i. J. 1803 von einem Arbeiter ausgegraben wurde. Es hat ein Gewicht von 13 Pfund 15 ¾ Lot damaligen bürgerlichen Gewichts, und wurde auf mindestens 10 000 Taler Wert geschätzt. Es wurde nach Berlin gebracht; ein Abguß davon befindet sich m hiesigen Bernsteinmuseum. Im Anschluß an diesen Vortrag berichtete Landschaftsdirektor a. D. Eckert über Einzelheiten aus dem Leben seiner vorher erwähnten Vorfahren im 18. Jahrhundert.

Author : unbekannt
Quelle: Königsberger Hartungsche Zeitung vom 24.04.1913, Nr. 189, Morgen-Ausgabe 1.Blatt S. 3 bereitgestellt durch ZEFYS-Zeitungsinformationssystem der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz
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Meine Suche gilt den Familiennamen Gawlik/Gawlick/Gablick aus Dimmernwolka/Pfaffendorf, Skrotzki/Skrodzky aus Dimmernwolka/Pfaffendorf und Gorski/Gorsky/Gurski aus Olschöwken, alles Kr. Ortelsburg. Bin für jeden Hinweis dankbar.
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