#51  
Alt 04.01.2017, 22:33
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Araminta Araminta ist offline
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Der Duft meiner Kindheit ist natürlich frisch geschnittenes Gras, Heu und Stallgeruch, da wir unsere Ferien immer auf dem kleinen Hof meiner Oma verbracht haben.
Das schönste für mich war es auf dem alten Eicher- Traktor (den gibt es immer noch)mit zu fahren.

Und wenn die Arbeit fertig war, sind wir Kinder auf die höchsten Balken der Scheune gestiegen und in das Heu gesprungen. Herrlich!
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  #52  
Alt 12.01.2017, 05:23
Artsch Artsch ist offline
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Standard Weinlese

Hallo,

aus einer Kleinstadt stammend, die von Weinbergen umgeben ist und einem Elternhaus, welches nur 100 Meter von der Kelter entfernt steht, ist mir (geb. 1961) der Duft an so einem Traubenablieferungstag in lebhafter Erinnerung.
Meine Familie hatte keinen "Wengert" geerbt. Wir waren "Reigschmeckte," also Zugezogene, obwohl wir Kinder hier geboren waren.

Also war es eine große Ehre, daß ich als gerade frisch Eingeschulte ohne Eltern mit unserer Haus- und Weinbergbesitzerin "mit durfte." Die Frau war früh verwitwet und ihre ganze Verwandtschaft half ihr im Weinberg. Im Gegenzug war man bei der Traubenernte der Verwandten dann auch dabei.
In der letzten Oktoberwoche (schulfreie Tage für die Weinlese) war es morgens empfindlich kalt. Nach der Anfahrt für mich und die anderen Kinder der Verwandten auf einem der offenen Anhänger, die von einem "Schlepper" gezogen wurden, waren wir mächtig durchgefroren im Wengert angekommen.

Hier verflog auch die dicke Luft nach und nach. (Abgase) Ein unheimlicher Smog lag noch über dem Ort, aus dem die Karavane in die Weinberge hinaufzuckelte. Nur wenige waren zu fuß oder mit dem Pferdefuhrwerk noch früher aufgebrochen.
Vor der Anstrengung sich im Anhänger festzuhalten um nicht bei den unebenen Wegen hinauszufallen, waren die Abgase für mich nicht das Problem. Im Gegenteil, es war interessant. Mancher Fahrer mußte im Stau wieder und wieder starten. Mancher Traktor hatte 2 oder 3 Wagen angehangen. Jedes Kind und auch die Erwachsenen waren sehr stolz auf ihre noch nicht solange erworbenen Zugmaschinen.

Es entstanden Fachgespräche, während Eimer und Scheren verteilt wurden. Die Kinder bekamen kleine oder alte ausgediente Scheren. Meine war ohne Feder und nur aus Metall und sehr kalt.
Die Erwachsenen begannen mit der Hauptlese und wir Kinder ernteten was diese übersehen hatten. Das war ein richtiger Wettkampf.
Wir Kinder durften nicht an den selben Rebstock wie ein Erwachsener, um verletzte Finger zu vermeiden.
Der volle Eimer wurde in den Butten geschüttet. Der älteste Mann stieg unter dem Gejohle der familiären Wengerthelfer, mit dem mehrere Eimer und Eimerle von uns Kindern fassende Butten auf dem Rücken den Weinberg hinauf. Hier stürzte er den Inhalt über die Schulter in den Zuber, der auf dem Hänger stand. Dazu war absolutes Können von Nöten, damit er nicht das Übergewicht bekam. Dies war jedes Mal ein Grund für alle die Arbeit zu unterbrechen, und dem Träger, den ihm zustehenden Respekt zu zollen.
Immer mehr war jetzt der Duft, der geschnittenen Weinstöcke, aber viel mehr noch, von den manchmal in den Eimer gedrückten Weinbeeren zu riechen.

Die verklebten, eiskalten und nassen Hände schmerzten unglaublich. - Ich spürte schon die Schere nicht mehr in meiner Hand. Man tröstete uns mit dem nahenden Frühstück. Hunger und Durst in dem Sinn hatten wir gar nicht, weil wir durften Trauben essen bis zum Platzen.
Schnelle Hände hatten ein Feuer entfacht. Jeder bekam einen Stecken, auf den wurde eine Rote Wurst gespießt und über das Feuer gehalten. Diesen herrlichen Duft habe ich jetzt wieder in der Nase. Es riecht nach Freiheit, Stolz, Anerkennung und Lohn. Jährlich landeten einige Würste im Feuer, die aber wieder herausgefischt und trotzdem gegessen wurden. Bei dieser Gelegenheit lernte ich auch gleich die schwäbischen Schimpfworte kennen, die bei den Rettungsaktionen ausgestoßen wurden. Vom schlimmsten Halbdackel bis Granate-Seckel über austrickelter (ausgetrockneter) Hirndepp war alles dabei.

Auf einigen Weinbergen waren auch Wengerthäuschen, worin Reisig, trockenes Holz, Stützpfosten und sonstiges vor der Witterung Schützenswertes aufbewahrt wurde. Im Sommer diente es zum Schutz vor der Sonne, es war drinnen immer kühl. Auch an ein steinernes Becken mit abgestandenen Wasser kann ich mich erinnern. Das hatte einen wenig einladenden modrigen Geruch.

Auf Anordnung kletterten wir Kleinen auf das Dach des Häuschens und es wurden Gruppenfotos geschossen. Ebenso ein paar Bilder bei Aktionen des Weinlesens oder Buttenlehrens.

Am Nachmittag zogen wir weiter zum nächsten Weinberg, aber nicht ohne den gelesenen Weinberg noch vorher auf natürliche Weise gedüngt zu haben.

Von mir existieren keine 10 Bilder aus meiner Kindheit, wovon aber 3 im Weinberg gemacht wurden.
Beim ältesten Bild bin ich 2-3 Monate alt. Unsere Vermieterin hält mich auf dem Arm. Mein Vater hält einen Eimer mit vorverlesenen Trauben in der Hand. Diese Trauben waren die schönsten aus dem Weinberg und wurden nur am Stiel angefaßt. Sie lagen später auf Weinrebenblättern im Keller und auch die einzelnen Trauben waren durch Blätter getrennt. So hielten sie sich bis in den Dezember. Daß die Beeren dann etwas schrumplig waren, nahm die Vermieterin in Kauf.

Beste Grüße
Artsch

Geändert von Artsch (12.01.2017 um 05:48 Uhr)
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  #53  
Alt 13.01.2017, 17:32
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Matthias Möser Matthias Möser ist offline männlich
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Hallo, Artsch!

Eine wirklich schöne Kindheitsgeschichte! Ich konnte mir das richtig bildhaft vorstellen.

Gruß

Matthias
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  #54  
Alt 13.01.2017, 20:41
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Tunnelratte Tunnelratte ist offline männlich
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ich kann Matthias nur zustimmen.
Auch als gebürtiger Schwabe war mir der HIrndepp bisher nicht bekannt :-D aber ich werde den Begriff definitiv weiterverwenden ;-)
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wenn man den Nachbarshund zum angeln mitnimmt, ist wenigstens die Köterfrage geklärt
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  #55  
Alt 14.01.2017, 14:51
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Eva64 Eva64 ist offline weiblich
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Der Hirndepp war mir auch noch nicht bekannt. Aber der Schimpfwortschatz eines Schwaben ist enorm groß und variantenreich ;-) .
Ich habe die Traubenlese erst später erlebt. Ich habe es auch so empfunden, dass es eine hohe Ehre war, da mitmachen zu dürfen. Ich glaube, ab dem Zeitpunkt war ich von der Familie meines Mannes akzeptiert . Die Gerüche und Erlebnisse waren auch in den 90ern des letzten Jahrhunderts nicht anders als in den 60er/70er Jahren . Gaaanz viel Tradition .
Grüßle
Eva
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  #56  
Alt 14.01.2017, 22:33
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Ursula Ursula ist offline
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Hallo,

wenn ich an Baustellen vorübergehe, dann geht mein Vater neben mir. Dieser Baustellen-Geruch hat für mich etwas sehr, sehr heimeliges, ich mag ihn sehr. So roch mein Papa, wenn er von der Arbeit nachhause kam.

LG
Uschi
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  #57  
Alt 27.01.2017, 09:27
Die Freude Die Freude ist offline männlich
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Ja , ich kenne sowas gut, in unserem Hinterhof stand Flieder , und meine Mutter mochte den immer. Heute rieche ich den Flieder und denke immer sofort an die Zeit an der wir alle noch winzig waren und im Garten herum huschten. Genau wie der Geruch bei meiner Urgroßoma da gabs einen Geruch den ich nicht beschreiben kann, da war ich mal zu Besuch vor einigen Jahren bei jemanden und sah sofort die Wohnung vor mir von meiner Urgroßoma und erinnerte mich plötzlich wieder genau an alles damals.
Aber es gibt viele andere Erinnerungen die mich in meine frühe Kindheit zurück versetzen !
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  #58  
Alt 27.01.2017, 23:13
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alex1412 alex1412 ist offline männlich
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Tolles Thema!

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, kommen mir einige sehr charakteristische Gerüche in den Sinn. Mein Großvater väterlicherseits - dem ich übrigens auch mein Interesse an der Ahnenforschung zu verdanken habe - war leidenschaftlicher Antiquitätensammler. Es roch nach alten Möbeln und Büchern und den filterlosen Orientzigaretten, die er rauchte. Heute ist Rauchen neben Kindern (richtigerweise) ja verpönt, aber für mich ist das einer meiner Lieblingsdüfte aus meiner Kindheit.

Dann das Parfüm der Oma mütterlicherseits, sehr floral und furchtbar süß. Eigentlich nicht der Duft, den ich heute gerne an einer Frau riechen würde - außer eben an der Omama, wenn sie noch da wäre... Sie war auch eine begnadete Köchin. Sie hat glücklicherweise ihre Rezepte aufgeschrieben und uns hinterlassen... Bei den Gerüchen und Geschmäckern mancher dieser Speisen fühle ich mich sofort in meine Kindheit zurück versetzt.

Mein Opa mütterlicherseits verwendete Haarpomade und brachte mir als Fünfjährigem bei, "wie man sich die Haare macht" Auch dieser Geruch einer längst nicht mehr erhältlichen Pomade ist mir in Erinnerung geblieben.

Das Rasierwasser meines Vaters - "Drakkar noir". In den Achtzigern war das anscheinend "state of the art". Ein Geruch, den ich liebe, und wie die Zeit, aus der er stammt: so überhaupt nicht dezent.

Und dann gibt es noch so Gerüche, die ich immer wieder mal in die Nase bekomme, und die mich an Erlebnisse aus der Jugend erinnnern. Dieser "Frühlingsduft" - besser kann ich es nicht beschreiben: der Geruch an den ersten halbwegs frühlingshaften Tagen im Jahr - an denen ich gerne mit Freunden in Parks herumsaß, pubertär und voller unsinniger Ideen
__________________
Liebe Grüße aus Linz,
Alex




Geändert von alex1412 (27.01.2017 um 23:38 Uhr)
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  #59  
Alt 29.01.2017, 23:16
Praxeda Praxeda ist offline weiblich
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Schöner Thread!
Ich fühle mich in meine Kindheit zurückversetzt, wenn ich ein Lederwarengeschäft betrete. Meine Mutter hat in einem solchen gearbeitet, und der Geruch ist heute noch der gleiche wie damals. Selbiges gilt auch für den Geruch nach Firnis, der mich an die Tischlerwerkstatt meines Großvaters erinnert. Aber um auf einen echten Duft zu kommen: Rosen. Die Rosen in meiner Kindheit, die auch in der Stadt oft in Rabatten im öffentlichen Raum gepflanzt waren, haben so wunderbar geduftet, wie man es heute nur noch ganz selten erlebt. Heute riechen Rosen entweder gar nicht oder modrig, aber keinesfalls so wie früher. Das fällt immer dann besonders auf, wenn man doch einmal ein wirklich duftendes Exemplar findet.

Liebe Grüße
Praxeda
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