#1  
Alt 13.01.2011, 12:38
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Standard Wissenswertes über unsere Ahnen

Die Schulzeit unserer Ahnen in den Dörfern um Erfurt!

Die älteste Nachricht die ich fand, dass auch unsere Ahnen am Ende eines jeden Schuljahres eine Prüfung ablegen mussten, stammt aus dem Jahre 1701. In vielen Dörfern fand das sogenannte „Examen“ zu Ostern in der Kirche statt, aber weil es zu dieser Jahreszeit oft noch kalt war und auch danach bis zu den Sommerferien die Anwesenheit der Kinder in der Schule erheblich nachließ, verlegten manche Gemeinden es auf die letzten Schultage im Juni/Juli.
Nach der Prüfung erhielten alle Kinder Semmeln, Pfefferkuchen (war damals kein Weihnachtsgebäck), Schreibpapier (es wurde also nicht nur auf Schiefertafeln geschrieben), sowie Schulbücher (aus Stiftungen). Die Kosten (je nach Anzahl der Schulkinder 3 bis 5 Taler) trug die Dorfkirche und finanzierte es größtenteils aus Spenden und Stiftungen, aber auch vielerorts gab die politische Gemeinde einen Anteil.

Das gesamte Jahr über führten der Schulmeister (unterrichtete die Knaben) und der Kantor (Mädchenlehrer) Bücher, in denen sie zensurenmäßig die Leistungen der Kinder festhielten. Am Tage des Examens lag dieses Buch auch für die Eltern einsehbar aus und ebenso am Examen konnten die Eltern teilnehmen.
Prüfungsgebiete waren: Rechnen, Buchstabieren, Lesen, deutsche Sprache, Allgemeinwissen, Bibelkunde und biblische Geschichte, Bibelsprüche, Lieder- und Denkverse
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Liebe Grüße von Luise
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  #2  
Alt 14.01.2011, 23:30
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Hallo Luise,

angeregt durch Deinen Beitrag habe ich mir mal wieder meinen Kuczynski rein gezogen. In Teil 2 seiner Geschichte des Alltages des deutschen Volkes schreibt er sehr ausführlich über die Situation der Kinder in der Zeit von 1610 bis 1810.
So schreibt er über die Schule: Die Kinder waren in erster Linie da um zu arbeiten. Sie waren eben richtige "Erwachsene" mit 7 Jahren oder gar noch früher und hatten das Leben von Erwachsenen zu führen. Die Schule war im allgemeinen ein Luxus, sowohl in der Betrachtung der Eltern wie auch in der Realität, da sie einerseitskaum besucht wurde und andererseits kaum etwas leistete. Auf mehreren Seiten in seinem Buch zitiert Kuczynski Zeitzeugen.
Ich gestehe, dass ich erschüttert war. Noch ein Zitat aus dem Jahr 1804:
"Alles was sich nur einigermaßen aufmerksamen Beobachtern in den meisten der jetzt vorhandenen Landschulen darstellt, ist unbeschreiblich elend,widersinnig, verderblich in seinem Einfluß audf die Erziehung der Jugend. Elende, enge , niedrige Schulzimmer, denn nicht selten ist das Haus des Schulmeisters das schlechteste im Dorfe, eine verdorbene, verpesteteLuft, der höchste Grad der Unreinlichkeit, der nicht selten dadurch, dass die Schulstube zugleich Wohnstube,Werkstätte und Stall für das Federvieh ist, herbeigeführt wird.- Unwissende ,ungesittete ,unreinliche Schulmeister, welche die Schule als einen Nebenbehelf betrachten.
( K.Fischer, Geschichte des Deutsche Volksschullehrerstandes, 1898)

Nach der Lektüre des gesamten Artikels ist mir mal wieder vor Augen gestanden wie weit wir heute davon Gott sei Dank entfernt sind. Pisa hin und Pisa her

Liebe Grüße
Nielsmauli
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  #3  
Alt 15.01.2011, 00:43
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Das Schulwesen war um 1700 in den verschiedenen deutschen Ländern unterschiedlich geregelt. Das Herzogtum Sachsen-Gotha war beispielgebend für die Organisation der Volksschule als Pflichtschule auf dem Land, ab ca. 1660. Ich schätze, den meisten Kinder wird es so ergangen sein, wie Nielsmauli das beschreibt. Irgendwo habe ich gelesen, dass um 1700 nur 10 % der Deutschen lesen und schreiben konnten.
Viele Grüße
Roswitha
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  #4  
Alt 15.01.2011, 10:49
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Ich kann aufgrund meiner Erfahrungen immer nur für die Dörfer um Erfurt schreiben. Wie es Deutschland weit war, darüber möchte und kann ich keine Meinung abgeben. Die Forderung zu einer allgemeinen „Schulpflicht“ für Jungen und Mädchen geht bis auf Martin Luther zurück. In den evangelischen sächsischen Ländern wurde dieser Gedanke auch noch im 16. Jh. von den Regenten aufgegriffen, so dass das Schulwesen hier bereits in jener Zeit sehr fortschrittlich wurde. In den katholischen Gebieten gab es (bis auf Ausnahmen) bis ins 19. Jh. hinein keine Schulpflicht.

Dass es die Schulpflicht für Jungen und Mädchen in den Dörfern um Erfurt gab, kann ich belegen. Auch war die Ausstattung der Schulzimmer selbst in den Dörfern fortschrittlich. Dafür sorgten auch viele Spenden und Stiftungen. Es wurde nicht nur auf Schiefertafeln geschrieben, sondern auch auf Papier. Kinder, deren Eltern weder Schulbücher noch Schreibpapier finanzieren konnten, erhielten das Benötigte aus Stiftungen.
Es darf nicht verallgemeinert werden, dass die Eltern keinen Wert auf die Bildung ihrer Kinder legten. Die Kinder mussten es nur schaffen, beides unter einen Hut zu bekommen: den Schulunterricht mit Lernen und die Hilfsarbeiten im Haushalt und der elterlichen Wirtschaft. Das war schwer und meist litten die Hausaufgaben, die es auch für unsere Ahnen schon gab, darunter. Wurde das allerdings in den schulischen Leistungen deutlich, dann erteilte der Dorfpfarrer dem Schulmeister oder Kantor die Auflage, die betreffenden Eltern aufzusuchen und mit ihnen zu sprechen. Tat sich daraufhin noch immer nichts, wurden die Eltern vor die dörfliche Schulinspektion geladen und eindringlich belehrt.
Nachweislich besuchten sogar die Kinder der Dorfhirten die Schule. Ausnahmen machten nur blinde, stumme oder gehörlose Kinder. Für diese gab es aber auch ab dem 19. Jh. gesonderte Schulen.

Um 1830 sah die Ausstattung eines Schulzimmers so aus: Lehrerpult mit abschließbarem Fach, Stundenglas, eine große und eine kleine Tafel, Globus, Mineraliensammlung, Lineale, Zirkel, Wandkarten mit Welt, Europa und Deutschland; Wandkarte zur Anatomie. In Klassensätzen: Lesebücher, Liederbücher, Bibeln, Geschichtsbücher, Heimatkundebücher. Außerdem gab es die Schulbibliothek, deren Bücher meist Spenden waren.

Auch den „Schulhof“ gab es bereits. Für die Pausen bzw. Freistunden standen unter einem Wetterdach Bänke zur Verfügung.

Ihr müsst in der Ahnenforschung darauf achten, nicht allgemeingehaltene Literatur zur Aussage zum Leben in den früheren Zeiten zu verwenden. Diese ist zwar meist schön ge- bzw. beschrieben, aber stimmt kaum mit den örtlichen Gegebenheiten in den unterschiedlichen Gebieten überein und verfälscht damit das Bild zum Leben der Ahnen.
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  #5  
Alt 15.01.2011, 20:52
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Guten Abend Luise,

ich gebe Dir gern recht! Es ist natürlich für uns als überwiegend regional Suchende sehr wichtig die konkreten Gegebenheiten vor Ort z u erkunden. Es freut mich daher zu lesen, dass es in Thüringen gerade mit der Schulbildung offenbar erheblich besser stand, als in anderen Teilen Deutschlands.
Die Lektüre in dem genannten Buch hat mich doch schon sehr geschockt! Aber es ist ja wirklich so, dass Thüringen eine Reihe von Reformpädagogen hervor gebracht hat. Als Laie fällt mir Fröbel ein.

Schönen Sonnabend von

nielsmauli
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  #6  
Alt 15.01.2011, 21:00
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Adam Ries, der große Mathematiker, hat mehrere Jahre in Erfurt gelebt. Auch seine Anwesenheit wird auf die Schulbildung Einfluß gehabt haben.

In den Dörfern um Erfurt waren es die Zugezogenen, die sich durch Analphabetentum hervorhoben. Da gibt es tatsächlich Urkunden mit XXX als Unterschriften.
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  #7  
Alt 15.01.2011, 21:12
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Moin Luise,

Zitat:
Zitat von Luise Beitrag anzeigen
Da gibt es tatsächlich Urkunden mit XXX als Unterschriften.
wobei das natürlich auch in anderen Regionen vorkam, selbst im 20. Jahrhundert.


Friedrich
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  #8  
Alt 18.01.2011, 13:42
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Zitat:
dass es in Thüringen gerade mit der Schulbildung offenbar erheblich besser stand, als in anderen Teilen Deutschlands
Das kann ich absolut bestätigen. Allgemeine und obligatorische Schulpflicht für Jungen und Mädchen ab 1642 in den Thüringischen Herzogtümern.
Das geht auf Herzog Ernst d. Frommen zurück. Die pädagogischen Richtlinien gehen auf Andreas Reyher zurück.
Der britische Lordprotector Oliver Cromwell ließ sich stets über die Fortschritte des Gothaischen Schulwesens informieren. In ganz Europa hieß es, dass des Herzogs (Ernst) Bauern gebildeter seien als anderswo der Adel.

Ausgehend von Andreas Reyher gab es bereits im 17.Jhdt eine geregelte Lehrerausbildung und echte Schulbücher. Während des frühen 18.Jhdt kam in Form von Kalendern, Almanachs und Nachrichtenblättern eine richtige "Flut" von Lesestoff in die Haushalte selbst in kleinsten Dörfern. In Dörfern mit zum Teil nur wenig mehr als 200 Einwohnern fanden bis zu drei "Zeitungsboten" ihr Auskommen im Nebenerwerb.
Wie traurig dagegen es in z.B. preußischen Landen aussah, weiß ich aus oberschlesischen Schulhistorien. Da wurden zum Teil noch im 19.Jhdt die Kinderbetten des Schulmeisters morgens hochkant an die Wand gestellt um Platz für Unterricht zu schaffen.
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  #9  
Alt 03.07.2011, 21:10
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Naja,
ob die Preußen wirklich so rückständig waren weiß ich nicht.

Ich habe jedenfalls in meinen "Geschichtsstudien" festgestellt, daß in vielen Gebieten, die nach 1815 an Preußen gefallen sind, erst mit der Übernahme dieser Gebiete durch die Preußen ein systematischer Schulbau eingesetzt hat.
In der Eifel soll es erheblichen Widerstand der Bauern gegen die preußischen Versuche gegeben haben, die Schulpflicht auch durchzusetzen.
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