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Alt 01.08.2020, 17:03
PetraNeu PetraNeu ist offline
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Hallo Melanie

es gab auch Leute, denen die Ausreise verboten wurde, z.B. die Experten für den Bergbau. Wer nicht rechtzeitig die Fliege gemacht hatte, musste in diesen Berufen weiter arbeiten und wurde z.B. nach Waldenburg versetzt, wo man fälschlich ergiebige Kohleflöze vermutet hat. Erst als die Expertise an genügend viele polnische Techniker weitergereicht war, durften die Deutschen ausreisen. Mein Großonkel kam so mit seiner Familie erst in den 1950ern raus. Eine "wilde Flucht" wäre zu riskant gewesen.

Andere wie z.B. meine Großeltern kamen gut in der neuen Situation in O/S zurecht. Sie konnten polnisch, mein Großvater hat sofort die poln. Staatsbürgerschaft beantragt (obywatelstwo) und wieder den alten slawischen Familiennamen angenommen. Das bedeutete, dass sie Anrecht auf Lebensmittelkarten hatten, und er bekam ziemlich schnell Arbeit. Auf den Dominien arbeiteten die Frauen saisonweise und kamen so zusätzlich an Lebensmittel. In der vertrauten Umgebung kannte man Jeden und man half sich gegenseitig. Das war der unschlagbare Vorteil gegenüber dem drohenden Lagerleben in Westdeutschland, darüber war man gut informiert. Meine Familie war in jedem Fall deutlich besser versorgt als die Verwandten, die z.B. bei der Ausweisung in der SBZ hängen blieben.

Erst als die Mangelwirtschaft drückender wurde, kamen bei meiner Familie genügend Zweifel auf, um die Ausreise zu den Verwandten im Westen zu beantragen.

LG Petra
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