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Alt 21.07.2017, 11:12
Scherfer Scherfer ist offline
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Hallo,
ich gebe zu, dass ich mich vielleicht etwas im Ton vergriffen habe. Deshalb dafür zunächst mal Entschuldigung! Dennoch bleibe ich inhaltlich bei meiner Kritik und kann das auch gerne etwas näher und sachlicher ausführen. Der Übersichtlichkeit halber schlüssele ich das mal nach Themen auf:

1) Sinnhaftigkeit von DNA-Tests für Europäer:
Zitat:
Zitat von Anna Sara Weingart Beitrag anzeigen
Diese DNA-Tests sind nur für US-Amerikaner interessant, die damit feststellen können, ob sie auch afrikanische oder asiatische/indianische Vorfahren besitzen.
Erste Verallgemeinerung. Hier wird ein Teilaspekt von DNA-Tests herausgegriffen und auf alle DNA-Tests ausgeweitet. Ja, man kann mit Tests den ethnischen Hintergrund untersuchen, das ist aber doch nur eine der vielen Möglichkeiten! Und übrigens: Auch für Europäer kann diese Prognose des ethnischen Hintergrunds manchmal interessant sein, mehr dazu weiter unten.

Zitat:
Zitat von Anna Sara Weingart Beitrag anzeigen
Hallo. Da Du anscheinend einen Test hast machen lassen (?), wäre es schön wenn Du über Deine positiven Erfahrungen in Bezug auf die Auswertung der Ergebnisse näher berichten könntest ?
Daraufhin schrieb zwar nicht Acanthurus aber andere über ihre positiven Erfahrungen. Aber die Dame ging nicht darauf ein, sondern beharrte kurze Zeit darauf:

Zitat:
Zitat von Anna Sara Weingart Beitrag anzeigen
Du erfährst durch den Test sehr wahrscheinlich nichts, dass Dich in der Ahnenforschung weiter bringt. Es ist nur etwas, womit man sich etwas einbilden kann.
Insbesondere wenn Du bei dieser finanziellen Ausgabe deswegen auf andere Ausgaben verzichten müsstest, rate ich davon ab.
Nun steht es selbstverständlich jedem frei, den Test zu machen oder auch nicht. Genauso wie es jedem freisteht, zu entscheiden, ob er gegen Geld Kopien von Akten aus einem Archiv anfordert oder nicht. Ob mir diese Ansicht gefällt oder nicht, tut hier erstens nichts zur Sache und ist mir zweitens auch reichlich egal. Wenn man allerdings selbst für sich eine Entscheidung gegen einen Test getroffen hat, muss man deshalb noch lange nicht – wohlgemerkt, ohne selbst irgendwelche Erfahrungen damit gemacht zu haben! – alle BefürworterInnen eines DNA-Tests in eine bestimmte Ecke stellen und Leuten, die nach Erfahrungen fragen, mit einer nicht fundierten Pauschalaussage und Falschinformationen dazu antworten.


2) Kosten von DNA-Tests:

Zitat:
Zitat von Anna Sara Weingart Beitrag anzeigen
Also nur wenn Du Multi-Millionär bist, und überhaupt nicht mehr weißt, wohin mit Deinem Geld, macht es Sinn, diesen "Spass" auch noch mitzumachen.
Zweite Verallgemeinerung. Ja, DNA-Tests kosten etwas, aber auch nicht die Welt. Das war einmal vor vielen Jahren. Heute bekommt man einen autosomalen Test (d.h. für alle Chromosomen außer dem X- und Y-Chromosom) schon für 70 Euro. Das Ergebnis hat man ein Leben lang, neue Übereinstimmungen, die in den nächsten Jahren neu gefunden werden, hat man „mitbezahlt“. Für zwei Stunden Arbeit eines Berufsgenealogen bezahlt man ungefähr die gleiche Summe und hat davon eine Handvoll neue Vorfahren. Ob das in einem guten Verhältnis steht, muss jeder selbst entscheiden.

3) Genauigkeit von DNA-Tests:
Zitat:
Zitat von Anna Sara Weingart Beitrag anzeigen
"Wichtige Hinweise ...
2. Bei Probanden aus Mitteleuropa werden häufig hohe oder sehr hohe DNA-Anteile den Herkunftsregionen "England" bzw. "British Isles" und/oder "Skandinavien" zugewiesen, obwohl die Vorfahren - soweit bekannt - aus dem deutschen Sprachraum stammen.
Dritte Verallgemeinerung. Wie schon bereits Acunthurus geschrieben hat, ist dieses Kleingedruckte nur eine Hintergrundinformation zu einem Teilaspekt, aus dem hier ein Totschlagargument für den gesamten Test gemacht wurde. Im Übrigen habe ich etwa 95% Vorfahren aus dem Gebiet des heutigen Deutschlands und mein DNA-Test zeigt eine ethnische Vorhersage von 0% für Skandinavien und die Britischen Inseln. Auch aus dem südwestdeutschen Raum habe ich viele Vorfahren und auch für Italien und Spanien ist meine Ethnizitätsprognose 0%. Ganz so allgemeingültig kann diese Aussage also gar nicht (mehr) sein.


4) Aussagekraft von DNA-Tests:

Zitat:
Zitat von Posamentierer Beitrag anzeigen
Dass sich genetische Merkmale finden lassen, die eine Firma aufgrund eines fragwürdigen Pools einer genetisch-reinen Gruppe zuweisen will, ist für die Familienforschung (nicht für die Frage, ob man mit seinen Eltern/Großeltern verwandt ist) irrelevant. Unsere Vorfahren stammen aus allen möglichen Ecken der Erde - egal woher Opa jetzt kam. Und sie tragen Spuren ihrer Vorfahren in ihren Genen mit - aber ob die 100, 1000 oder mehr Generationen alt sind - sie führen uns nicht zu unserer gesuchten 12xUrgroßmutter - auch wenn wir das noch so gerne hätten.
Auch hierzu würde ich gerne noch ein paar Worte sagen. Nein, ein DNA-Test ist kein Allheilmittel und nein, er ermöglicht es selbstverständlich auch nicht, eine „12xUrgroßmutter“ zu finden – hatte hier aber vorher auch keiner behauptet.
Ein Test kann aber schon eine bisher unbekannte Verwandtschaft über einige Generationen zurück nachweisen oder einen Hinweis auf eine mögliche Verwandtschaft geben. Die muss man selbstverständlich noch mit der „herkömmlichen“ Familienforschung weiter belegen – was aus meiner Erfahrung im Übrigen auch ernsthafte US-Familienforscher durchaus sehr ausführlich machen.
Wie viele Generationen ein Test „zurückblicken“ kann, hängt von der Art des Tests (autosomal, Y-chromosomal, mitochondriale DNA) und der Fragestellung ab. Je weiter man zurückgeht, umso schwieriger werden natürlich die Vorhersagen. Gerade deshalb ist es dann sinnvoll, mehrere Personen einer Linie zu testen, um damit genaue Aussagen machen zu können. Über Chromosomenbrowser kann man so DNA-Segmente bestimmen, die aus einer bestimmten Abstammungslinie stammen. Da nach eigenen Erfahrungen gefragt wurde: Ich habe einen Cousin dritten Grades meines Vaters (übrigens nicht in den USA oder Kanada) durch einen Test finden und hinterher mit der „herkömmlichen“ Forschung die Verwandtschaft nachweisen können.

Was Du, Posamentierer, nun mit diesen gerade ausgeführten Testergebnissen in der näheren Verwandtschaft durcheinanderwirfst, ist die Ethnizitätsprognose. Die reicht in der Tat sehr viel weiter zurück und macht anhand von DNA-Markern Aussagen über die in der Abstammungslinie vermutlich enthaltenen ethnischen Gruppen. Ob jemand das für die Familienforschung weiter bringt, kann wieder jede und jeder selbst entscheiden. Es ist aber doch ein nettes Extra, das man mitbekommt. Und auch für konkrete Fragestellungen in der näheren Verwandtschaft kann diese Prognose durchaus sinnvoll sein. Beispiel: In meiner väterlichen Abstammungslinie komme ich teilweise nur wenige Generationen zurück. Da stellt sich für mich die Frage, ob die Vorfahren des Spitzenahns eher aus Ost- oder Westeuropa stammten. Für beide Theorien habe ich aus der „traditionellen“ Familienforschung Indizien. Meine Testergebnisse weisen nun sehr eindeutig auf eine Herkunft aus Westeuropa. Das ist zwar sicher kein Beweis, aber doch ein wertvoller Hinweis, um mit anderen Mitteln in dieser Richtung weiterzuforschen.


Mein Eindruck ist, dass viele in Deutschland sich (aus vielfältigen Gründen) gegen DNA-Tests entscheiden. Ist natürlich jedem selbst überlassen. Genau wie jeder selbst entscheidet, ob er ein Abo bei Archion oder anderen Seiten braucht oder nicht. Die Art aber, wie dann diese persönliche Entscheidung vehement als die alleinige Wahrheit vertreten wird, ohne sich näher mit den Details von DNA-Tests beschäftigt zu haben, geschweige denn eigene Erfahrungen damit zu haben, ist jedoch bemerkenswert und in dieser Härte in anderen Ländern nicht zu finden. Daher vermute ich, dass hier auch die Angst vor Gentests im Allgemeinen, die Angst vor der Überwachung etc. eine große Rolle spielt.

Geändert von Scherfer (21.07.2017 um 11:25 Uhr)
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