Artikel zur Einführung ? Ethische Frage ?

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  • Willemus
    Benutzer
    • 05.06.2021
    • 49

    Artikel zur Einführung ? Ethische Frage ?

    Liebe Alle,

    Gestern bin ich zum zeitunglesen gekommen und habe in Chrismon, als Beilage der SZ (kann man aber auch anklicken im Netz) einen interessanten Artikel gefunden. Der Titel lautet: „Sie kannte nicht mal Großvaters Namen“. Eine Schweizerin berichtet, die ihrem unbekannten Großvater aus den USA nachgeht und auf teilweise schwierige Ergebnisse stößt. Aber sie hat auch Verwandte erreicht und aus meiner Sicht letztlich für sich persönlich Vorteile erreicht. Manchmal ist es doch gut, auch unangenehme Nachrichten zu wissen, anstatt wilder Phantasie ausgeliefert zu sein. Andererseits ist sicher auch der ethische Aspekt zu bedenken, in diesem Fall besonders, wie die Forscherin mit den Ergebnissen gegenüber ihrem Vater umgehen will oder sollte. Möglicherweise kann der Artikel auch denjenigen helfen, die sich gerade überlegen, ob sie Ahnenforschung beginnen sollen. Wie denkt Ihr dazu ?
    Viele Grüße, Willem
    Zuletzt geändert von Willemus; 12.02.2024, 13:42.
  • sonjavi
    Erfahrener Benutzer
    • 30.08.2016
    • 287

    #2
    Hallo Willem,

    leider finde online ich nirgends einen kostenlosen Zugriff auf den von dir beschriebenen Artikel.

    Viele Grüße
    Sonja
    Suche FN PELZ, TOLSKI aus Liebemühl/Osterode und Umkreis, VEIT/VEID und MEIRITZ aus Elbing sowie
    BAUM aus dem Raum Rieder, (Sachsen-)Anhalt

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    • Willemus
      Benutzer
      • 05.06.2021
      • 49

      #3
      Hallo Sonja,

      Unter Chrismon.de kann man ein neues Benutzerkonto einrichten. (Wieder ein Passwort) Noch ist es kostenlos, im Laufe des Jahres soll das Digitalabo kommen - so die Ankündigung.

      VG Willem

      Kommentar

      • Willemus
        Benutzer
        • 05.06.2021
        • 49

        #4
        Liebe Sonja, liebe Alle,
        Da der Zugang zum Artikel doch schwierig sein könnte, fasse ich ihn kurz zusammen:
        Titel: „Sie wusste nicht mal seinen Namen“. Der Vater der Autorin hält sich zu seiner Lebensgeschichte sehr zurück: Seine „leiblichen Eltern durften kein Thema sein“. Er war zu einer „geliebten“ Pflegemutter gekommen. Die Autorin wusste, dass der Vater (*1953) unehelicher Sohn eines unbekannten US-Soldaten und einer damals 19 J. deutschen Frau war, von der er „nichts wissen wollte“. Diese Last des Schweigens („eine schwer zu beschreibende Leere“) trägt u. a. zum Nachforschen der Autorin bei.
        Früh und heimlich schreibt sie an ihre leibliche Großmutter, die ihr nur wenige Namens- und Ortserinnerungen geben kann. Das führt über 15 Jahre später dazu, dass diese Großmutter zu ihrem leiblichen Sohn, dem Vater der Autorin, Kontakt aufnimmt, den die Autorin vertieft (der Vater nicht). Sie erfährt weitere Namen und Einzelheiten. 5 J. später entschließt sie sich zu einem DNA-Abgleich. Ein Jahr später gibt es ein hohes Matching mit einer Frau in den USA: Vermutlich eine Cousine des leiblichen Großvaters. Über die findet sie nun viel im Internet. U. a. über Newspapers.com findet sie weitere Namen, den exakten Namen des Großvaters und schließlich auch sein Geburts- und Sterbejahr. In der weiteren Forschung ergeben sich nun schwierige Ergebnisse: Scheidung und mindestens drei weitere Ehen des Großvaters. Sie findet auch heraus, dass dessen Bruder von seinem Stiefsohn ermordet wurde. Schließlich schreibt sie an die Tochter des Großvaters und bekommt im 2. Anlauf einen langen Brief. Darauf kommt eine E-Mail dieser Groß-Cousine und ein Foto des Großvaters. Im weiteren Forschen und Telefonieren beider kommt es zu Erschütterungen - auch für die Cousine. Denn offenbar hat der Großvater (wie auch sein Bruder) die Kinder sexuell missbraucht. Die Cousine wusste offenbar nicht, dass der Onkel ermordet worden war und der Stiefsohn sich dabei gegen den Missbrauch gewehrt hatte. Der Kontakt zwischen ihr und der Autorin verdichtet sich. Diese erzählt wiederum ihrem Vater, der zwischendurch von ihren Bemühungen schon gehört haben dürfte, von den Gesprächen und während ihres Austausches „aus dem Bauch heraus“ auch alles, was sie erfahren hat. Er geht kaum darauf ein. Es wirkt, als würde ihn das nicht erschüttern und nicht interessieren. Die Autorin berichtet, dass sie nun mehr Ruhe gewonnen habe. Soweit über den Artikel.
        Das Gespräch mit dem Vater bringt aus meiner Sicht eine knifflige Frage auf: Es gibt - sicher verständlich - ein starkes Interesse bei der Autorin (und Tochter!) aus dem Schweigen rauszukommen. Aber bei allem Respekt für ihren inneren Druck scheint es mir für den Vater auch wie eine Zumutung. Wäre es - nachträglich gesehen - wünschenswert gewesen, wenn sie ihm zuvor angedeutet hätte, dass es auch schwierige Seiten am Großvater gab und ihn gefragt hätte, ob er - nach Bedenkzeit - darüber mehr erfahren möchte?
        Hätte sie es ihm so angeboten dann hätte er entscheiden können, ob er Genaueres hören will oder nicht. Wäre eine „nein“ gekommen, hätten beide mit der Zurückweisung umgehen müssen. Ich vermute, dass das jetzt auch in Teilen gilt. Die Alternative wäre gewesen: Die Autorin hätte ihm gar nichts gesagt. Dann hätte sie die Last eines Wissens um ein nicht enthülltes Geheimnis abermals zu tragen.
        Früher hätte ich gedacht: Auf jeden Fall das Schweigen aufheben, soweit möglich. Jetzt sehe ich ein Dilemma, bei dem es keinen eindeutig guten Weg gibt. Vermutlich gibt es dazu verschiedene Überlegungen, die einige auch schon mal praktisch anstellen mußten.
        Grüße Willem

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        • Cardamom
          Erfahrener Benutzer
          • 15.07.2009
          • 2023

          #5
          Lieber Willem,
          die aufgeworfenen Fragen haben auch mich lange beschäftigt. Ich schildere einmal kurz die Geschichte dazu: erst mit 12 habe ich erfahren, dass meine Mutter bei Vater und Stiefmutter aufgewachsen ist; meine "echte" mütterliche Großmutter war immer tabuisiert. Durch DNA-Tests gab es (nach Jahren)
          - kein Match mit meiner bisher vermeintlichen Halbcousine (Tochter der vermeintlichen Halbschwester meiner Mutter)
          - plötzlich ein überraschend großes, nicht zuordenbares Match mit meiner Mutter und mir. Die Recherche ergab, dass Mutters vermeintliche Vater nicht ihr leiblicher war und das Match ihre neue Halbcousine, die zum Bio-Vater führte. Sie lebte also als Kuckuckskind bei 2 nicht-biologischen Eltern. Schließlich konnte ich auch die Identität des Bio-Vaters aufdecken.

          Für mich waren diese Entdeckungen eine große Befreiung, denn ich hatte erlebt, dass es zwischen meiner Mutter und der Familie, in der sie aufwuchs, immer Konflikte und Unverständnis gab. Ich schlug mich ca. 3 Jahre damit herum, ob und wie ich meiner Mutter die entdeckten Ergebnisse mitteilen sollte. Ich hatte sehr die Befürchtung, dass sie damit nicht umgehen und/oder es leugnen oder sogar aggressiv reagieren würde.
          Andererseits hatte ich die Hoffnung, dass es sie (wie mich auch) erleichtern würde, weil es ja letztlich erklärte, warum sie in ihre vermeintliche Familie so schlecht "hineinpasste". Ausserdem war sie zu dem Zeitpunkt schon 80, und man weiß nicht, wieviel Zeit man da noch hat.

          Der Zeitfaktor hat uns hier geholfen.
          Als es einmal wieder ein sehr unangenehmes Telefongespräch mit einer ihrer vermeintlichen Halbschwestern gab und sie nichts mehr von den beiden wissen wollte, ergriff ich die Gelegenheit und erzählte ihr die Erkenntnisse. Und es hat sie befreit und erleichtert - auch, wenn es in gewisser Weise kein gutes Licht auf ihre leibliche Mutter wirft, die - schwanger von einem verheirateten Mann - einen anderen Mann geheiratet hat.

          Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass die Wahrheit befreiend wirkt, weil Tabus immer im Unbewußten wirken und Unheil anrichten können.

          Es kommt sicher auch sehr darauf an, wie man das angeht. Dein Vorschlag, etwas anzudeuten und Bedenkzeit zu geben und auf ein "OK" zu warten, ist ein guter Weg.
          Ich hatte das bei meiner Mutter als Frage formuliert: "Kannst Du dir vorstellen, dass Du gar eigentlich gar nicht in diese Familie gehörst?"

          Austausch darüber, wie z.B. hier, kann vielleicht helfen. Ich bin jedenfalls dankbar, dass Du die Geschichte mit uns geteilt hast.

          liebe Grüße
          Cornelia
          Zuletzt geändert von Cardamom; 26.02.2024, 14:27. Grund: ergänzt

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          • Willemus
            Benutzer
            • 05.06.2021
            • 49

            #6
            Liebe Cornelia,

            Vielen Dank für Deine Überlegungen und Deine Geschichte, die ich sehr berührend finde. Was muss das mindestens für Deine Mutter für ein Schamgefühl, für ein Ausmaß an Verwirrung und ein Rätsel gewesen sein. Ich brauchte erstmal einen Zettel, um mir die genauen Verbindungen klarzumachen.
            Dabei stieß mir die mehrfache Benennung der Halben auf. Das lässt an Halbwahrheiten denken. Der einzige wahre Teil, die wahre Halbe in der Geschichte war erstmal die Stief(groß-)Mutter. Aber es muss auch - immerhin - eine Art Ambivalenz gegenüber der Wahrheit (also nicht die völlige Verstellung) gegeben haben, die sich m. E. darin ausdrückt, dass Deine vermeintlichen Großeltern einen sog. echten Teil und einen Stiefteil vorgegeben haben. Als hätten sie die Wahrheit doch nicht ganz abschütteln wollen oder können. Das ist natürlich spekulativ. Und die spezifischen Motive - vermutlich welche, die auch mit der Nachkriegszeit zusammenhängen - werden für diese Verstellung mitgewirkt haben.
            Nochmal herzlichen Dank

            Willem

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